Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Das egozentrische Glaubensbekenntnis


Ich glaube an mich selbst
als den Mittelpunkt der Welt
und den Maßstab des Himmels und der Erde.

 

Und an mein Leben,
meinen Körper und meine Gefühle,
an meine Kindheit, die mich prägte,
verfolgt durch das Schicksal,
gelitten unter den Verhältnissen,
verhaftet, verurteilt, eingesperrt,
niedergefahren in die Zellenhölle der Justiz.
Nach Jahren werde ich auferstehen
und hinaustreten in die bunten Lichter des Lebens,
um zu richten die Gesellschaft und das Recht.

 

Ich glaube an meinen Verstand und meinen Geist,
eine Kirche nach meinen Vorstellungen
und eine Welt, die mich liebt.
Auf eine Vergebung meiner Sünden
bin ich nicht angewiesen,
denn ich habe genug gebüßt.
Zuletzt glaube ich,
dass ich mit meiner Kraft und Cleverness
dem Tod ein Schnippchen schlagen werde.
Amen

 

 

Was für mich glaubhaft ist

An Dingen, die sich zum Glauben anbieten, herrscht wahrlich kein Mangel. Nicht alles davon ist bei kritischer Prüfung würdig, dass man daran glaubt, – also glaubwürdig. Aber allemal verlockend.

 

Wenn ich daran glaube, dass alles gut wird, ist das schon ein Pfund, mit dem man wuchern kann und das auch in schweren Zeiten hilft. Auch der Glaube an das Gute im Menschen wäre eine gute Sache. Und in Kombination mit dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst doch ein edles Ziel für den Inhalt des eigenen Lebens.

 

Natürlich kann man auch an die Macht der Liebe glauben, an den technischen Fortschritt oder die Kunst der Ärzte. Oder ganz banal hier hinter Gittern und Mauern daran zu glauben, dass es ein Leben nach der Haft gibt.

 

Das Wort Glauben hat in der deutschen Sprache zwei Aspekte: Ich glaube an und ich glaube es. Ich kann einem Menschen glauben, indem ich das für wahr akzeptiere, was er sagt. Oder ich kann an einen Menschen glauben. Das kann man vielleicht auch Liebe nennen.

 

Werner K., Gefängnis Bochum

 

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