Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Ich glaube


„Ich glaube“ bedeutet für mich immer zunächst, ich glaube jemandem und wenn ich ihm und an das Gute in ihm glaube, dann glaube ich auch an ihn. Glaube ist gelebte Beziehung. Glaube ist Befreiung durch Beziehung. Glaube ist menschliche Existenz, wie sie gemeint ist. Christlicher Glaube ist christliche Existenz. Menschliche, humane Existenz ist auch immer Erkenntnis. Nur das, was ich auch als richtig erkannt habe, kann dauerhaft Teil meiner Existenz sein. Glaube ist die Beziehung, die Worte, Gebete, die Erkenntnis, die Gedanken, die mein Leben durchweben, und das daraus folgende Tun und Unterlassen.

 

Einerseits ist Glaube die Sicherheit einer Orientierung im Leben, er ist aber auch die Verunsicherung, die notwendig ist, um sich dem ganz Anderen, dem Göttlichen zu öffnen, das dann diese Sicherheit vermittelt. Es ist eine Unsicherheit, die in ein Meer von Sicherheit eingebettet ist. Gleichzeitig ist es eine Sicherheit, die aus einem Meer von Unsicherheit herausragt. Wenn alles ganz schwarz wird, ist da eine Sicherheit und Geborgenheit, die in Gott gründet. Nur durch das immer wieder neue Aufbrechen in die Unsicherheit des christlichen Weges, ein immer neues Lernen und Erkennen, werden wir immer mehr was wir sein werden.

 

Ich glaube an Gott, aber was ist der Inhalt dieses Glaubens?

 

Die griechische Philosophie sagt: Erkenne Dich selbst! Der erste Schritt ist: Erkenne, dass Du kein Gott bist. Ich habe mich nicht gemacht, ich bin nicht der Grund meiner Existenz. Warum bin ich überhaupt und nicht vielmehr nicht oder auch nicht mehr? Gott! Gott? Wer, was ist das eigentlich? Jedenfalls niemand, nichts, was ich verstünde, ergreifen oder festhalten könnte. Er ist der Urgrund des Seins, der wie ein Blitz die vermeintliche Sicherheit des Alltags zerschmettert. Er ist aber auch der, der mich in diesem Sein, in meinem Leben hält und trägt.

 

Ich glaube an die Liebe und an die Befreiung durch Liebe. Gott ist die Liebe, nicht als wohliges Gefühl, sondern als voraussetzungsloses Wohlwollen. Da ist einer, auf den meine Existenz gründet und der mir unendlich wohlwill. Das ist ein Geschenk. Das ist das eigentliche Wunder des Glaubens, diese Hoffnung auf das Wohlwollen Gottes über den Tod hinaus.

 

Dieser Gott ist uns unendlich nahe, das ist seine Liebe. Ich antworte auf dieses Geschenk, indem ich ihm und den Menschen versuche wohl zu wollen. Weil er mich liebt, kann ich mich annehmen, obwohl ich dem nie genügen werde. „Gott allein genügt“ (Theresa von Avila), d.h. erst wenn ich Gott liebe, bin ich im humanen Sein angekommen. Unser Sein findet nur dann zu sich selbst, wenn es zu Gott findet. Das ist in unserem Leben weniger ein Erreichen, es ist vielmehr die sich liebend hinwendende Suche, die sich nach dem Hereintreten Gottes sehnt. Er ist gerade in diesem Sehnen der, der er ist, denn sein Sein ist mehr sein Noch-nicht-in-meinem-Leben-Sein. Gleichzeitig begegnet uns Gott in unserer Existenz, weil er bereits da ist. Er ist unser Vater, d.h. nicht nur mein Vater, sondern unser aller Vater, der uns damit zu Geschwistern macht. Er ist also auch der, der immer schon in meinem Leben ist.

 

Dieser Vater ist „im Himmel“. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass er im blauen Himmel über uns oder in unserem heutigen Weltbild im Weltall ist. Genauer gesagt, ist er in den Himmeln. In meiner Vorstellung sind die Himmel neben unserer Welt, in einer anderen Dimension, in der Transzendenz. Wir nähern uns Gott, wenn wir der Transzendenz begegnen. Auch hier ist er, der das wahre Dasein bestimmt. Nur wer sich selbst transzendiert bzw. genauer das Geschenk der Transzendenz annimmt, nähert sich Gott. Diese Transzendenz erfasst das ganze Leben.

 

Dieser unser Vater im Himmel ist der Allmächtige. Wer glaubt, kann ihm alles zutrauen.

 

Gott als Schöpfer dieser Welt bedeutet, dass die Welt von Anfang an durch Gott in guter Weise geordnet wurde und dass Gott die Welt weiterhin gut ordnet. Mit der Tora, dem Wort schuf Gott Himmel und Erde. Die Tora ist also das Prinzip, das der Welt zugrunde liegt. Dieses Wort ist jedoch nicht etwas von Gott Getrenntes, es ist Gott und es ist in Jesus Christus auf die Erde gekommen. Damit und in seinem Tod und seiner Auferstehung hat sich die Botschaft von der Befreiung erfüllt. Eigentlich ist es paradox, Jesus als den Herrn zu bezeichnen. Jesus bringt die Frohe Botschaft von der Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft. Das ist nicht nur die Knechtschaft der irdischen Herren, es ist vor allem die Knechtschaft der Sünde, der Wunden und Begrenztheiten, dann aber auch die Knechtschaft schlechthin. Wenn diese Befreiung erkauft würde durch die Knechtschaft unter Gottes Herrschaft, wäre das paradox. Es ist aber eine andere Form von Herrschaft gemeint, das war das Ärgernis und das Mysterium, das viele Menschen zu Zeiten Jesu nicht verstanden. Er kam nicht als der irdische Befreier aus der Herrschaft der Römer, als den sich viele Juden den Messias vorgestellt haben. Er kam als der Befreier aus der inneren Herrschaft und der Mächte, die das Innere bedrängen, so dass er sogar grundsätzlich die Obrigkeit der Römer nicht in Frage stellte. „Gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist!“ Letztlich wird dadurch auch die äußere Macht der Römer begrenzt, in ihre Schranken verwiesen, denn sie haben dadurch keine wirkliche Macht mehr über die Menschen. Das zeigt sich besonders krass in den Märtyrern der ersten Jahrhunderte. Die Gewalt der Römer war der Ausdruck ihrer Ohnmacht, denn Gewalt ist nicht Macht. Macht zeigt sich darin, keine Gewalt ausüben zu müssen (Niklas Luhmann).

 

Welche „Herrschaft“ hat er dann aber verkündet? Er hat über sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Seine „Herrschaft“ ist die eigentliche Befreiung, er befreit uns von der Macht der dunklen Seite unseres Selbst. Wer mit Jesus lebt, ist für die Sünde gestorben! Das heißt also nicht, dass der Christ nicht mehr sündigt, aber die tödliche Macht der Sünde ist gebrochen. In Gott fallen Herrschaft und Befreiung in eins zusammen.

 

Sünde ist nicht irgendein Verhalten, dass formal einer abstrakten Norm widerspricht. Es ist die Trennung, die Distanzierung von Gott. Gott hat schon im Alten Testament, diese Trennung immer wieder aufgehoben, aber erst in Jesus Christus hat sich Gott den Menschen so vollkommen zugewandt, dass die Macht der Trennung endgültig gebrochen wurde. Diese Zuwendung ging so weit, dass er durch sein Leiden und seinen Tod sich auch vollkommen dem Leid der Menschen zugewandt hat. Noch mehr: Er hat sich als Mensch am Kreuz so sehr von Gott, dem Vater entfernt, dass er zur Sünde wurde und in das „Reich des Todes“ hinabstieg. In der Auferstehung ist dann die absolute Distanzierung absolut aufgehoben worden: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des Vaters!“

 

Dieser Weg war nur möglich, weil Maria, als erster Mensch, diesen Weg in ihrer Existenz nachgegangen ist. Von Jesus Christus in ihrem Mutterleib über die Distanz unter dem Kreuz bis zu ihrer „Himmelfahrt“. Das ist das Modell christlicher Existenz der Nachfolge Christi „unter der Führung des Evangeliums“. Diese liebende Existenz ist das, was den Menschen zu sich selbst bringt.

 

Es geht also nicht darum, unsere Freiheit zu opfern und nur die irdischen Herrscher durch Jesus Christus zu ersetzen. ER befreit uns von den Zwängen, so dass wir in wirklicher Freiheit das tun kön-nen, was der Wahrheit, unserem Lebensweg bzw. der Liebe zu uns selbst und den Mitmenschen entspricht. Indem wir uns zu Jesus Christus als dem Herrn unseres Lebens bekennen, verneinen wir die tödliche Macht des Bösen.

 

Man mag dagegen einwenden, dass der Zwang der kirchlichen Gebote mindestens genauso verheerend wirken kann. Das ist zweifellos so. Die innere Befreiung durch Jesus Christus kann nicht durch die Kirche ersetzt werden. Wer sich z.B. dem Sonntagsgebot wie einer staatlichen Regel unterwirft, der hat nichts verstanden und nichts gewonnen. Nur wer durch Jesus Christus befreit wurde und verstanden hat, dass er damit z.B. auch aus dem Zwang, verkaufsoffene Sonntage zu nutzen und jeden Tag etwas „Sinnvolles“ zu tun, befreit ist, kann sich darüber freuen, dass das Sonntagsgebot ihn auch dann daran erinnert, er selbst zu sein, wenn die momentane Trägheit es vergessen machen will. Dann wird aus dem falschen, ich muss jeden Sonntag in die Kirche, die Zusage (s.u.) ich kann, auch wenn es mir schwerfällt oder die Verpflichtungen mir eigentlich keine Zeit lassen, in die Kirche gehen, ohne meine Verpflichtungen zu vernachlässigen oder meine Existenz zu gefährden und vielmehr zu meiner wahren Existenz zurückkehren. Maria ist nicht nur Modell christlicher Existenz, durch sie wird auch die menschliche Natur Jesu Christi und durch ihre Jungfernschaft die göttliche Natur betont. Da Maria mit ihrer Existenz immer schon auf Christus verweist, ist jeder Blick auf Maria immer auch ein Blick auf Christus. Die Jungfernschaft ist der Verweis auf Gottes Allmacht. Gott allein kann das Wunder der Menschwerdung Gottes bewirken und dieses Wunder ist das Entscheidende und das viel Größere. Maria lässt in ihrem einzigartigen Glauben zu, dass Gott durch sie auf die Welt kommt. Es geht nicht um biologische Details, es geht darum in Maria das Vorbild zu erkennen, Gott alles zuzutrauen. Die Erfahrung zeigt, dass dann „unmögliche“ Dinge möglich werden.

 

Ich glaube auch an die historische Wahrheit Jesu Lebens und Leidens. Er hat wirklich vor 2000 Jahren auf dieser Erde gelebt und wahr nicht nur eine himmlische Erscheinung oder gar nur eine Figur aus einer symbolischen Geschichte. Gott ist konkret geworden, wie er zuvor in der Geschichte des jüdischen Volkes bereits geschichtlich konkret geworden ist. In der Konkretheit des Menschen Jesus Christus ist Gott einen entscheidenden Schritt darüber hinausgegangen. Dies ist nicht nur von geschichtlicher Bedeutung. Es ist von zentraler Bedeutung für unseren Glauben. Die ganze Glaubensbeziehung hat sich dadurch verändert. Dies wird fassbar, wenn wir mit Jesus im „Vater unser“ Gott „Abba“ (Vater, Papa) nennen. Es ist eine Vertrautheit, die man sonst der Mystik vorbehalten würde. Gleichzeitig geht diese Vertrautheit weit darüber hinaus, weil sie persönlich ist. Auf dem Glauben an Jesus Christus als wahrem Gott und wahrem Mensch aufbauend, wird sein Leiden zur wesentlichen Glaubenswahrheit. Es geht hier um das wirkliche Leiden und Sterben Jesu Christi, dass die Gottesferne des Menschen aufgehoben hat. Für mich ist es eine wesentliche Botschaft des Christentums, dass Gott nicht nur der „über der Welt“ schwebende Gott ist, der wie ein Regisseur letztlich nicht mit der Welt verbunden ist. Schon der Gott des Alten Testaments greift in die Welt ein, er leidet mit dem Volk Israel. Genau dieser Gott ist in Jesus Christus auf die Welt gekommen, um den Menschen nahe zu sein. Er hat sich auch nicht vor dem Schmutz und dem Leiden auf dieser Welt zurückgezogen. Er hat vielmehr den Schmutz bejaht und bewusst die Nähe zu den Menschen in Armut, Schmutz und Leiden gesucht.

 

Dieser Jesus Christus ist auferstanden, ja wahrhaft auferstanden! Jetzt wird es ernst. Das ist der springende Punkt für den ganzen Glauben. Entscheidend ist Begegnung mit dem auferstandenen Christus, in der sich die Lehre Jesu und die Hoffnung der Jünger erfüllt hat. Damit ist die Erfahrung der Emmausjünger, ganz real Christus zu begegnen, fundamental für den Glauben. Die Frage, warum das Grab leer war, tritt dahinter zurück, auch wenn sie für den Auferstehungsglauben nicht unwesentlich ist.

 

Naturwissenschaftlich lässt sich beides nicht erklären. Die Erfahrung von Gottesferne und die gleichzeitige Hoffnung am leeren Grab und die Erfüllung der Hoffnung in der Zeit danach ist ganz wesentlich für unseren Glauben. Wer diese Erfahrungen psychologisch oder symbolisch deutet, verlässt die Innenperspektive und damit den Glauben selbst. Wer am Glauben festhält und die Erfahrung des Auferstandenen macht, löst sich andererseits nicht vom Glauben, wenn er die Erfahrung auf der materiellen Ebene anders deutet. So ist die Frage, ob Jesus auf dem Weg nach Emmaus auch von anderen Menschen als den ihn begleitenden Jüngern gesehen werden konnte, so lange unwesentlich für den Glauben, so lange Jesus nach unserem Glauben tatsächlich den Jüngern begegnet ist und die Begegnung nicht zum gemeinschaftlich Traum verfälscht wird. Dies kann so auch für das leere Grab gelten.

 

Weiter ist auch für unsere Glaubenserfahrung wichtig, wie die Christen ihre Erfahrung gedeutet haben, dass Jesus den Jüngern nur für eine bestimmte Zeit erschienen ist. Dass Jesus einen Zwischenzustand erreicht hatte, da sein hiesiger Auftrag noch nicht erfüllt war. Das steht hinter den zwei Schritten der Auferstehung und dem Auffahren in den Himmel. Damit wird die Erfahrung der Jünger gedeutet. Der Vater ist Gott als die personale Gottheit, die alles geschaffen hat, d.h. auch die Ordnung der Welt. Der Sohn ist Gott als personale Gottheit, die auf uns immer wieder in vollkommener Weise zugeht, mit uns ist und uns begleitet. Dies war Gott schon immer, Gott hat dies aus sich heraus von Anfang gewollt. Der Sohn ist also nicht aus dem Nichts geschaffen, sondern aus sich heraus gezeugt. Durch Maria ist dies dann in unserer Welt geschichtlich geworden.

 

Ich glaube aber auch daran, dass Jesus Christus wieder auf die Welt kommen wird. Er wird uns „richten“, d.h. das Schwache und Kleine in uns aufrichten und das sich in selbstbezogener Stärke von Gott Abwendende verurteilen und vernichten. Dann wird es darauf ankommen, ob wir im Angesicht der Liebe Gottes uns klein machen können oder uns groß machen müssen. Im zweiten Fall haben wir uns bereits selbst gerichtet und Jesus Christus wird dieses Urteil nur verkünden. Ich denke, dass dies eher eine theoretische Möglichkeit ist, um der Freiheit willen muss aber diese Möglichkeit bestehen.

 

Der Heilige Geist ist für mich die Tiefe der Gottesbeziehung. Der Vater, Jahwe ist der „Ich bin da!“ Er zeigt uns den Urgrund auch unseres eigenen Seins. Als Abba, Papa ist er uns als dieser Urgrund sehr nah. In Jesus Christus ist er uns als Mensch entgegengetreten und ist uns als Immanuel, „Gott mit uns“ unendlich nahe gekommen. Egal welches Leid wir erfahren, egal wie wir uns selbst von Gott abwenden, Gott ist uns in Jesus Christus so nah, weil er für uns Mensch geworden ist und sich damit auf einmalige Weise uns, jedem von uns zugewandt hat. Der Heilige Geist, der uns in der Taufe gegeben wurde und in den weiteren Sakramenten sich immer wieder bestätigt, macht uns Gott nicht nur nah, er „wohnt“ in uns. Er ist nicht der ferne Beobachter, mit dem den Kindern viel zu oft Angst gemacht wurde. Er ist in uns, so dass wir niemals wirklich allein sind. Unsere Aufgabe ist es, ihm Raum zu geben. Der Alltag, unser Aktionismus lässt ihm keinen Raum. Die Bibel sagt, er ist im Säuseln des Windes, dass wir vor lauter Lärm nicht hören können.

 

Ich glaube auch daran, dass der Heilige Geist in uns Christen und in unserer Kirche wirkt. Die Kirche, i.e. Ekklesia ist wörtlich die „Herausgerufene“. Das war in der attischen Demokratie die durch die Ver-fassung verankerte Volksversammlung. Die Kirche ist also wörtlich die von Jesus Christus Herausgerufene verfasste Gemeinschaft (der Gläubigen). Sie ist die in die Welt gerufene Gemeinschaft zur Verkündung des Evangeliums. Das ist dann aber primär nicht die Ortsgemeinde, es ist die Weltkirche und ihre Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums. Weiterhin ist es die „verfasste“ Gemeinschaft, die durch Jesus Christus in die Welt gerufen wurde. Alle Getauften zum Königtum, Priestertum und Prophetentum in dieser Kirche berufen. Insofern sind wir auch alle Kirche. Die Versammlung der Getauften ist allerdings auch von ihrer ursprünglichen Wortbedeutung her „verfasst“, d.h. sie ist strukturiert, sie kennt verschiedene Ämter und jeder Getaufte ist auch in diese Verfassung der Kirche eingebunden. Weder die Menschen noch die Struktur ist heilig im Sinne einer Sünden- oder Fehlerfreiheit. Das ist nicht nur offensichtlich, es ist auch biblisch, dass niemand und auch keine Institution sündenfrei ist. Alle Christen sind durch die Taufe gerettet, die Distanz zu Gott bzw. die Mauer zwischen den Menschen und Gott ist durch den einmaligen Akt der Menschwerdung Gottes und seines Kreuzestodes aufgehoben bzw. eingerissen. Die Kirche in ihren verschiedenen Bezügen ist (unvollkommenes) Werkzeug des Heiligen Geistes. Ich glaube auch an die Gemeinschaft der Heiligen. Das sind einmal alle Christen und dann in besonderer Weise, die Menschen, die christliche Existenz als Vorbild gelebt haben. Die große Vielfalt der Heiligen ist wesentlich für meinen Glauben. Der Glauben ist nicht bequem, aber es gibt viele Wohnungen im Himmel des Herrn. Es gibt sehr unterschiedliche Weisen die Heiligkeit zu leben. Auch darin findet sich ein Teil des Wesens des Katholischen überhaupt. Es ist nicht die Enge, es ist die Vielfalt, die der Heilige Geist inspiriert. Es ist aber auch der Heilige Geist, der die Demut schenkt. Das wird häufig von säkularer Seite so interpretiert, dass der demütige nicht mutig genug sei, sich gegen die Herrschenden zu stellen. Demut ist aber der Mut zu dienen, sich also in den Dienst einer Sache oder einer Person zu stellen. Die Demut ist also nicht irgendeine heilige Eigenschaft, sie ist Kern christlicher Existenz, deren Mut nicht aus der eigenen vermeintlichen Größe, sondern aus der Größe Gottes kommt. Ich glaube an die Vergebung der Sünden. Für das Christentum ist ganz zentral, dass Sünde nie ohne Vergebung gedacht werden kann. Die Vergebung ermöglicht dem Menschen erst, seine Schuld zu erkennen, einzugestehen und schließlich zu bekennen. Das erscheint mir auch der tiefere Grund für die Schuldvergessenheit unserer Gesellschaft. Wer nicht mehr auf Vergebung hofft, der muss auch versuchen, alle Schuld von sich zu weisen.

 

Der Glaube an die Auferstehung der Toten hängt eng mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu Christi zusammen. Wenn Jesus Christus nicht auferstanden ist, dann kann der christliche Glaube an die Auferstehung der Menschen keinen Bestand haben. Aber auch umgekehrt kann der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi keinen Bestand haben, wenn die Christen nicht an die Auferstehung der Toten glauben. Die Auferstehung der Toten ist die endgültige Aufnahme der Menschen in das Gottesreich. Wir werden Gott unendlich nah sein und dies genießen. Dies kann ich mir gar nicht anders vorstellen, als in der Form „ewigen Lebens“. Was heißt nun aber „ewiges Leben“? Es ist primär das „Leben in Fülle“, das bereits jetzt durch das Licht, das uns Jesus Christus ständig schenkt, gekennzeichnet ist. Wenn wir aber etwas von diesem Leben im Licht erfahren, gewinnt auch das Vertrauen darauf, dass das, was uns da berührt, von Dauer auch über den irdischen Tod hinaus ist.

 

Amen!

 

Amen bedeutet wörtlich, so ist es, so sei es. Es ist aber auch ein „Ja!“ nicht nur zu den Inhalten, sondern auch zu der Gottesbeziehung des Betenden. Es ist die ausdrückliche Bestätigung der Beziehung und des Willens, das eigene Leben ganz von dieser Beziehung bestimmen zu lassen. Christliche Existenz, christlicher Glaube ist mit diesem „Amen!“ identisch.

 

Tobias Stehmans
(Rechtsassessor, Bochum)

 

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