Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

Dahler Höhe 29 - 45239 Essen - Telefon: 0201 / 490 01 22

Gott ist Liebe


Die Liebe ist stärker als alle Zauberei. Das ist ein Kernsatz aus „Krabat“ von Otfried Preußler, der eine sorbische Sage aufgreift und aktualisiert. Über „Gott ist Liebe“ meditiert der erste Johannesbrief. Papst Benedikt sagt: „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“, also die Abwesenheit der Liebe. Michel Sardou singt in dem Lied „Maladie d’amour: …mais le plus douloureux, c'est quand on en guérit…“ und Ideal in „Blaue Augen: …Wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal …“. Die Liebe ist ein zentrales Lebens- und Glaubensthema. Was hat es denn auf sich mit der Liebe – diesem ozeanischen Thema, bei dem hart am Wind gesegelt werden muss, um auf Kurs zu bleiben?

 

Wir leben in einer Gesellschaft, die alles einer Bilanzierung, dem Diktat der Nützlichkeit unterwirft. Was bringt die Liebe, was bringt der Glaube? Die Liebe ist ein Anarchist. Sie erfüllt die Herzen – nicht mehr, nicht weniger. Und dann riskieren Menschen viel bis hin zu alles. Es geht nicht um „Zufriedenheit, Sicherheit, langes Leben und leichteres Sterben“. Und um „Glück“ und „gemütliches Beisammensein“ geht es erst recht nicht. Wer meint, das Leben wird mittels „Glaube“ und „Liebe“ einfacher, irrt. Die Liebe macht, was sie will.

 

Verliebtheit: Was geht der hypnotischen Hingerissenheit voraus? Ein leeres Gefühl, dessen man sich plötzlich bewusst wird und das einer erfüllenden Süße weicht: endlich! Endlich verliert die Zeit ihre Macht – der Augenblick wird gedehnt und gestrafft – er wird ewig – dieser Augenblick gehört keiner Zeit mehr an – dieser Augenblick läßt sich nicht einfangen – und doch bleibt für immer eine Verbundenheit – der Augenblick der Liebe verbindet für immer, denn alles ist in Erfüllung gegangen, was sich ein Mensch erhoffen kann. Die Sinne täuschen nicht, sondern dringen in eine tiefere Wirklichkeit ein.

 

Welche Reaktionen sind richtig auf ein „Ich-liebe-dich“, wenn es also zum Ernstfall des Bekennens, zur eigentlichen Muthandlung gekommen ist? Alle Antworten sind erlaubt, nur eine nicht: keine. Keine Antwort ist Verweigerung – eine sehr spezielle Form der Machtausübung mit hohem Vernichtungspotenzial.

 

So wie das Amen am Ende eines Gebets und damit an der Grenze der Sprache steht, so muss die Liebesfrage gestellt und beantwortet werden - immer wieder neu. Und genau das gilt heute als obszön – eben nicht länger das Sexuelle, sondern das Empfindsame ist der moderne Tabubereich.

 

Was empfinde ich für das Leben? Die Bedeutung des eigenen Lebens kann sich niemand aus sich heraus voll geben. Sie ergibt sich aus dem Gefüge, in dem jeder von uns lebt – dem ökonomischen, sozialen und sinnstiftenden Netzwerk. Die eigene Bedeutung, die Identität wird geschenkt – das fängt mit dem Ausstellen der Geburtsurkunde oder des Personalausweises an (na gut – ein paar Euro kostet es schon). Ein Platz, eine Bedeutung ergibt sich ja immer erst in einem Kontext, einem Beziehungsgefüge. Und heute gibt es viele Kontextangebote, wie z.B. die doppelte Staatsbürgerschaft. Niemandem bleibt eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung erspart, sonst trägt kein Kontext dauerhaft. Und das setzt Mut voraus – und Empfindsamkeit, die weit mehr ist als „emotionale Intelligenz“ oder „ein Gefühl“.

 

Liebesbrief

So kann es nun nicht weitergeh'n!
Das, was besteht, muß bleiben.
Wenn wir uns wieder wiederseh'n,
Muß irgend was gescheh'n,
Was wir dann auf die Spitze treiben.
Was — was auf einer Spitze tun?
Gewiß nicht Plattitüden.
Denn was auf einer Spitze ruht,
Wird nicht so leicht ermüden.
Auf einer Bank im Grunewald
Zu zweit im Regen sitzen,
Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald!
Dein Fritz! (Remember Spitzen.)
Ringelnatz, Reisebriefe eines Artisten, 1927

 

„Gott ist Liebe“ heißt es zweimal im ersten Johannesbrief. Gott liebt nicht nur, er ist Liebe – er kennt sich mit den Herzen der Menschen aus und kann sie erfüllen. Aber ist Jesus wirklich ganz Mensch, so dass seine „Liebeskunst“, die bis zur Feindesliebe geht, alle Menschen ausführen können. Der Johannesbrief bejaht das.

 

Jesus kann als fleischgewordenes Wort im Hier und Jetzt erscheinen – leiblich erfahren werden als das Licht im Dunklen, die Stimme im Schweigen und die Aura eines Körpers, an dessen Brust sich einer ausruhen kann – das ist mysteriös und doch der Kern meines Glaubens und Weg zum „Leben in Fülle.“ Es gibt im biblischen Kanon vier Evangelien – vier Zugänge zu einem Jesus, der eben sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Dies bestärkt mich darin, Jesus so zu sehen und ernst zu nehmen, wie ich das tue.

 

Und die zentralen Aussagen über die Liebe kennzeichnen diese als Anarchie des Herzens. Die Herzmitte als Kennzeichen dessen, was uns als Individuum und Person ausmacht, ist „leiblich“. Insofern ist die genannte Anarchie keineswegs Beliebigkeit. Liebe ist nur in Verbindung mit Freiheit “wahre Liebe“, die von Mensch zu Mensch weitergetragen werden kann. Alles andere ist „Ware Liebe“. Waren sind austauschbar und zerstörungsanfällig.

 

„Wahre Liebe“ kann jedoch auch irren – das belegt die Geschichte des Christentums. Und genau das macht aus meiner Sicht das Christentum auch so sympathisch – es ist eine menschliche Religion trotz aller in ihrem Namen ausgeführten Unmenschlichkeiten. Die Kirche erzählt eine Geschichte des Wandels „absoluter Wahrheiten“ – paradox. Es ist paradox, dass Freiheit Bindung voraussetzt – was bindet mehr als die Liebe? Und doch ist Liebe weder ohne Schmerzen noch ohne Freiheit noch ohne Bindung möglich.

 

Da weder Gott noch Jesus geschrieben haben, sind alle Aussagen über beide ein weites Feld – und das ist gut so. Denn nur so ist es einleuchtend und ganz richtig, die Liebesfrage immer neu zu stellen: Wen liebe ich mit welchen Konsequenzen? Für wen öffne ich mein Herz? Gegen wen verschließe ich es?

 

Liebe läßt sich nicht verdienen. So ist auch die in der Taufe zugesagte Gotteskindschaft „Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Gefallen“ an keine Leistung gebunden. Die Liebe Gottes ist unverdient geschenkt und Boden meiner Existenz – ein Grund, der trägt, den ich teile, komme was wolle und ein Grund, der verspricht – irgendwann irgendwie irgendwo wird alles früher oder später gut und heil.

 

Wenn „Gott Liebe ist“, dann erfüllt sie alle Zeiten und eben auch die Gegenwart hier und jetzt. Kairos bricht sozusagen in Chronos ein – und die Liebe ist immerwährend – über den Tod hinaus. Ist der Kreuzestod ein Scheitern oder Sieg?

 

Jesus hat ihn mutmaßlich aus freiem Willen – aus Liebe zu sich selbst (Gewissensentscheidung) und allen Menschen (Hingabe) - auf sich genommen. Jesu zitierter Schrei am Kreuz „warum hast du mich verlassen?“ war mehr als ein Psalmenzitat und schon gar nicht göttliche Pädagogik – es war aus meiner Sicht der Ernstfall der totalen Einsamkeit, die niemandem erspart bleibt. Ich bin gewiss, dass mit dem Tod alles irdisch vorstellbar Lebendige vorbei ist. Vielleicht wird es dann so für mich sein wie vor der Geburt. Geburt und Tod Bedeutung abzuringen, ist die Aufgabe des Lebens schlechthin. So sinnfrei alles erscheinen mag – die Liebe setzt eins drauf – die Liebe setzt die Macht der Zeit außer Kraft. Die Liebe rechnet die Zeit (her-)aus. Die Liebe ist stark wie der Tod, heißt es im Hohelied des alten Testaments – also ist sie auch so stark wie die Geburt. Die Liebe kann gebären/erschaffen und kann als ihn Gegenteil – Hass - töten/vernichten.

 

Die Müllersburschen aus „Krabat“ setzen für die Liebe alles auf’s Spiel – weil sie eben nicht mehr in der Welt, in der sie leben, mitspielen wollen. Wenn das Mühlrad als Symbol für Chronos – die messbare Zeit - stehen bleibt, kämpfen sie dafür, dass Kairos – der Herr über die messbare Zeit – nicht länger lieblos sein darf und somit vernichtet werden muss.

 

Denn: Nur die Liebe zählt. Und das nicht nur in der Sage, im Märchen und in der Bibel – sondern hier und jetzt. Und daran glauben zu können, braucht Empfindsamkeit. Deswegen muss davon erzählt und dazu ermutigt werden.

 

Ein Essay von Renate Gottschewski

 

Zurück zur Übersicht