Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Porta patet, cor magis
Die Tür steht offen, weit mehr noch das Herz

Mein Pilgerweg
vom Kloster Loccum über Kloster Amelungsborn zum Kloster Volkenroda
gegangen vom 22. Juli bis 9. August 2009


Es war im Spätherbst des Jahres 2008, da entdeckte ich bei einem Besuch des Klosters Amelungsborn einen Schaukasten. In diesem Schaukasten war ein Pilgerweg aufgezeichnet beginnend im Kloster Loccum und im Kloster Volkenroda endend. In der Mitte dieses Weges liegt das Kloster Amelungsborn.

 

Das Kloster Amelungsborn liegt am Südrande des Odfeldes bei Negenborn und Stadtoldendorf im Landkreis Holzminden im Weserbergland. "Im Zuge der Reformation wurde auch dieses Kloster evangelisch, kam zu Braunschweig-Wolfenbüttel und im 20. Jahrhundert schließlich zur Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. In Amelungsborn führen evangelische Christen im "Kloster auf Zeit" das Erbe der Zisterzienser fort." (WF-PW, Teil 1, S. 43 - Wanderführer Pilgerweg Teil 1)

 

Im Sommer des Jahres 1946 kam in Stadtoldendorf ein Flüchtlingstransport an und brachte etwa 700 Menschen aus Oberschlesien ins Weserbergland. In dem Zug saßen meine Mutter, meine drei älteren Geschwister und ich. Stadtoldendorf war Endstation unserer Reise und wurde uns zur neuen Heimat.

 

Ich war 21 Jahre alt, da habe ich diese Landschaft verlassen und lebe seitdem in Westdeutschland.

 

Der Pilgerweg vom ehemaligen Zisterzienserkloster Loccum zu seinem "Mutter-Kloster" Volkenroda wurde 2004/2005 in Erinnerung an die Beziehungen zwischen beiden Klöstern durch die Evangelisch-lutherische Landekirche Hannover geschaffen.

 

Mittwoch, 22. Juli 2009

 

Um 16 Uhr fährt die Buslinie 2121 nach Loccum. Ich sitze am Busbahnhof in Stadthagen und warte. Fünf Taxen stehen in der Nähe, die Fahrer warten auch - auf Kunden. Es ist stickig-warm, ich mache Picknick, mehr aus Langeweile. Die Gedanken an zu Hause werden weniger. Im Zug habe ich in dem Buch von Jens Gundlach gelesen "Zwischen Loccum und Volkenroda - Ein Pilgerbuch". Hannover 2007 Die beiden Wanderführer Pilgerweg Teil I: Von Loccum bis Bursfelde und Teil II: Von Bursfelde bis Volkenroda, waren mir eine große Hilfe beim Finden und Buchen der achtzehn Unterkünfte. Den dort vorgeschlagenen Etappen werde ich folgen.

 

Vier Stunden später sitze ich auf einer Bank an einem Teich, im Rücken ist das Pilgerhaus des Klosters Loccum. Dass mich die Pilgerpastorin mit meinem Namen begrüßt hat, hat mir gefallen. Auch den Wochenspruch "Sei gewiss, der Herr hat dich erlöst, er hat dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein" habe ich gerne gehört. "Erlöst werden" - ja das wollte ich, wenn ich auch nicht sicher vor, wovon.

 

Neben anderen Besuchern der Hora waren wir Drei, die wir morgen starten. Eine Frau aus der Nordheide, Ilse Conrad ( Namen geändert), und Bernhard von Thüringen, ein etwa 40jähriger Pfarrer aus Thüringen und ich. "Bernhard von Thüringen" - seinen richtigen Namen werde ich nie erfahren, seine Einträge in den Gästebüchern werden immer mit BvTh unterzeichnet sein.

 

Im Pilgerhaus ist mir das Zimmer "Kloster Amelungsborn" zugeteilt worden - ein gutes Zeichen.

 

In die herrliche Klosterkirche werde ich morgen nicht mehr gehen können. Nach der Hora wurde sie verschlossen und wenn sie morgen geöffnet wird, bin ich schon auf dem Wege. Ein kurzer Spaziergang brachte mich zur Akademie Loccum und dem Pädagogisch-Theologischen Seminar, ein paar Gehminuten vom Kloster entfernt. Auf dem Weg zur Akademie habe ich auch den "Einstieg" zu unserem Pilgerweg gesehen und vor dem Pilgermal gestanden, einer Doppelskulptur mit dem Namen "Anfang und Ende" Sie verbindet seit dem Jahr 2000 das Kloster Loccum wieder symbolisch mit seinem Mutterkloster Volkenroda. In siebzehn Tage werde ich dort - hoffentlich - gut ankommen und den anderen Teil der Skulptur sehen. Ich schaue aufs Wasser, kleine Inselchen mit hübschen Pflanzenanordnungen laden zum Meditieren ein. Ein Wildgänse-Paar geht mit den Jungen spazieren, waren alle auf dem Wasser, hocken jetzt am Rand des Teiches.

 

1. Tag Donnerstag, 23. Juli 2009 von Loccum nach Stadthagen 19 km

 

19 Uhr, ich sitze in Stadthagen auf dem schönen Marktplatz. Die Sonne wärmt den Rücken und wirft ihr helles Licht auf das gegenüberliegende Renaissance-Rathaus. Ein Schluck Barbera ist noch im Glas. Pasta mit Stein-Pilz-Sauce gab es heute Abend. Solange ich sitze, ist alles in Ordnung. Beim Gehen spüre ich die Gelenke und vor allem die müden Füße.

 

Um halb zehn bin ich heute morgen aufgebrochen. Ein Gewitter hatte am Abend die Luft gereinigt, durch das kleine offene Fenster hatte ich viel frische Luft und habe im Zimmer "Kloster Amelungsborn" gut geschlafen. Ich war die erste, die sich auf den Weg machte, auf den Weg, der noch einmal an der Skulptur "Anfang und Ende" vorbeiführte. Ich warf einen letzten Blick auf den Schaukasten mit dem Verlauf des Weges. In der Nähe des Klosters Bursfelde krabbelte ein Marienkäfer über das Blatt.

 

Es ging vorbei an alten Fischteichen im Klosterforst, in manchen spiegelte sich das Farnkraut. Frau Conrad überholte mich bald mit ihren langen ausladenden Schritten, BvTH stieß in Kreuzhorst zu mir. Bis Pollhagen gingen wir zusammen. Durch Wiedensahl, den Geburtsort von Wilhelm Busch, kamen wir nicht, aber eine Wilhelm-Busch-Hütte gab uns Schutz vor dem Regen. In Pollhagen waren wir dann fast wieder trocken. Im Edeka-Laden belegte mir die nette Verkäuferin zwei Brötchen, obwohl der Laden seit fünf Minuten Mittagspause hatte.

 

Hinter dem Mittellandkanal lag rechts die St. Johannis-Kirche von Pollhagen "Wo Pilger willkommen sind", so steht es im Pilgerführer. Der Ehemann der Küsterin führte mich ins Gemeindehaus, bot mir Getränke an und zeigte mir die Toiletten. Das war ein freundlicher Empfang. Die Kirchentür war geöffnet. Sie werden alle offen sein, die Türen auf meinem Weg, gemäß dem Zisterzienser-Spruch "Porta patet, cor magis - und das Herz noch weit mehr.

 

In Nordsehl verpasste ich den Abzweig nach links, weil ich vergeblich das Pilgerzeichen suchte, ging weiter geradeaus, blieb auf der Landstraße, die mich nach Stadthagen brachte - sechs lange Kilometer. Ich ging langsam, war erschöpft, wurde von Autos überholt, es war laut. Am Ortseingangsschild "Stadthagen" fing es an zu regnen, es regnete immer stärker, nirgendwo konnte ich mich unterstellen. Mein Regencape klebte an mir, das Wasser lief in die Wanderschuhe. Um auf dem schnellsten Weg in mein Hotel zu kommen, fragte ich an einer Tankstelle, hoffte einen Moment, dass mich jemand mit dem Auto dahin brächte. Irgendwann hörte der Regen auf, es war nicht kalt, ich packte das Cape in die obere Tasche des Rucksacks, hatte neuen Schwung, ging aber in die falsche Richtung, fragte wieder, sah auf dem Schild "Hotelroute" den Namen meines Hotels, ging, fand nichts, ging zurück. Als ich eine Bank sah, setzte ich mich und rief das Hotel an, um zu erfahren, wie ich dorthin käme. Die freundliche Inhaberin holte mich mit dem Auto ab, es war nicht mehr weit und spendierte einen heißen Tee. Die Heizung im Bad konnte ich anstellen, füllte die Schuhe mit Klopapier aus, am nächsten Morgen war alles trocken.

 

Nun sitze ich hier am Marktplatz, neben mir trifft sich eine Großfamilie zum Abendessen. Ich genieße die Stimmung, will die St. Martin-Kirche und die Klosterkapelle wenigstens von außen sehen, wenn sie morgen früh öffnen, dann bin ich schon auf meinem Weg nach Rehren.

 

2. Tag Freitag 24. Juli von Stadthagen nach Rehren 16 km (22 km)

 

Nach einem Gespräch mit der Dame am Empfang über Wege, Lebenswege, allein oder zu zweit, startete ich heute morgen. Sie half mir, den Einstieg zu finden, die guten Wünsche kamen aus vollem Herzen. Nachdem ich zweimal links abgebogen war, überquerte ich die Hedwigstraße und schickte gute Gedanken an meine Mutter. An der Kreuzung kurz vor der Schaumburger Brauerei mit den beiden großen Biergläsern über dem Eingang brauchte ich Zeit, um das Pilgerzeichen zu finden. Es ging links ab, am Krümmer Bach entlang bis Wendthagen. Dort war ich wieder unsicher, ob ich auf dem richtigen Weg war. Ganz entspannt gehe ich den Weg, wenn ich das Pilgerzeichen sehe und wie schnell verliere ich die Gewissheit. Im Buch dann gottlob der Hinweis "Auf der Hauptstraße nach rechts erreicht man nach wenigen hundert Metern das Lokal "Dionysos". Bevor der Weg links abbog in die Bückeberge, machte ich eine kurze Trinkpause. Mit viel Elan ging es nun bergan, meinen Rucksack spürte ich heute kaum, die Sonne kam raus, in meinem Kopf hatte ich viele gute Formulierungen fürs Pilger-Tagebuch. "Guten Tag Frau Spiegel", Ilse Conrad holte mich ein. Sie freute sich mich zu sehen und ich war froh, ihr die Erfahrungen des ersten Tages erzählen zu können. Am Ende des Kammweges machten wir Rast, ich hatte nur einen Apfel dabei, aber im Hotel gut gefrühstückt. Unter uns ein schöner Ausblick, Rehren und Kathrinhagen, unsere Zielorte, waren wegen der Bäume nicht zu sehen, aber die A2 sahen wir, dahinter die Weserberge, die wir am nächsten Tag überqueren würden.

 

Ich ging allein weiter, talwärts, ein angenehmer Wind wehte und ich ging in der Gewissheit, dass das Waldhotel nicht mehr weit entfernt war. Mein Nachtlager war in Rehren, Ilse Conrad und BvTH hatten Quartier im Gemeindehaus von Kathrinhagen gebucht. Gutgelaunt kam ich unten kurz vor Rehren aus dem Wald, schwätzte mit einer Bäuerin, die vor ihrem Haus stand und das Gespräch mit Vorbeigehenden suchte. Ihre Kinder waren im Urlaub. Von ihr wollte ich wissen, wie weit ein Umweg über Kathrinhagen sei. Im Wanderführer stand, dass es im nahegelegenen Kathrinhagen eine Kapelle aus dem 12. Jahrhundert gäbe. Für die Bäuerin war das kein Umweg. Also ging ich statt geradeaus rechts in den Wald und ich ging und ging und es bog lange kein Weg links ab nach Kathrinhagen. Als ich in der hübsch ausgemalten Kapelle saß, wusste ich, dass die Entscheidung nicht gut war. Denn nun musste ich die drei Kilometer wieder zurück. Das letzte Stück war recht mühsam, obwohl die Uferstraße an der Aue ein schöner Weg war. Die Besichtigung der gotischen Wallfahrtskapelle in Rehren war kurz, trotz der Orgelmusik, denn die dunklen Wolken am Himmel drängten mich. Für eine Currywurst mit Pommes frites auf dem Marktplatz in Rehren nahm ich mir dann doch die Zeit, der Geruch war verführerisch und der Hunger groß. Außerdem war ich nicht sicher, ob es im Waldhotel ein Abendessen geben würde. Es regnete schon, als ich unter der Autobahn her ging und das Waldhotel nicht mehr weit vor mir liegen sah.

 

Das Waldhotel war ein schön anzusehendes Gebäude, aber ich habe ich mich dort nicht wohlgefühlt. Das kalte Abendessen musste ich am Katzentisch einnehmen, die anderen Plätze waren für die Hausgäste reserviert. Das große Glas Schaumburger Pilz warf mich ziemlich um. Die Unterwäsche und das Poloshirt musste ich noch waschen. Mein Freund Jürgen rief aus Polle an, er war noch einmal an alle Orte an der Weser gefahren, die wir im letzten Spätherbst besucht hatten. Ich freute mich darauf, ihn am nächsten Tag zu sehen. Auf dem Radweg zwischen Hessisch Oldendorf und Fischbeck wollten wir uns treffen.

 

3. Tag Samstag, 25. Juli von Rehren nach Fischbeck 16 km

 

Ich brach früh auf, es ging leicht aufwärts ins Wesergebirge, die Landschaft war abwechslungsreich, nach etwa drei Kilometern ging es dann wieder ins Tal.

 

Vor der Kirche in Segelhorst machte ich eine kurze Rast und überlegte, wie ich weitergehen wollte. Im Wanderführer las ich, dass der Weg am Bach oft morastig wäre, also ging ich zurück zur Landstraße Richtung Hessisch-Oldendorf, dort sollte es einen anderen Weg geben. An der Kreuzung sah ich einen schwarzen, breitkrempigen Hut und darunter BvTH. Über das Wiedersehen freuten wir uns beide, er brachte Grüße von Ilse Conrad. So gingen wir gemeinsam den Weg nach Hessisch-Oldendorf. Vor der Kirche verabschiedeten wir uns. Ich brauchte eine Toilette, kaufte eine Ansichtskarte für Ulrike, sie ist im Land der Schaumburger geboren.

 

Vom Rathausplatz rief Jürgen an und hörte, dass er auf dem Weser-Rad-Weg kurz vor Rinteln sei, dort wollte er eine Rast machen und auf dem Weg zurück mich auf dem Radweg treffen. Im Stift Fischbeck hatte er mein EZ in ein Doppelzimmer umbuchen lassen, "ein ganz süßes Zimmer, die Walnüsse aus meinem Garten, die ich für dich geknackt habe, liegen schon auf deinem Kopfkissen." Die Vorfreude auf unser Treffen war groß und ich wollte mich nun beeilen.

 

Als ich nach dem kürzesten Weg zur Weser fragte, war ich überrascht, dass es weit sei. "Hessisch-Oldendorf, die Stadt, der die Weser davon gelaufen ist." so las ich bei Jens Gundlach. "Schaumburger Grafen gründeten die Stadt am Fluss. ... Doch die Weser versandete und baute ihr Bett weiter südlich." Das Bett suchte ich lange, folgte einem Weg, der im Nichts endete, ein kräftiger Regenguss ging nieder, meine Laune war nicht gut. Als ich endlich auf den Weser-Rad-Weg kam, stand dort ein freundlicher Herr, der das Gespräch suchte. Er kam ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und war der Liebe wegen an der Weser geblieben. Dass ich aus Essen kam, gefiel ihm.

 

Es war schön, die Weser zu sehen, die Berge steigen zum Tel steil auf, eine Burg hoch oben am Hang, mir war es wohl in meiner Brust. Nun ging ich in Erwartung des Wiedersehens mit Jürgen und wartete auf das Klingeln der Fahrradglocke. Fünf Kilometer ging ich heute auf dem Weser-Rad-Weg, der bis Bodenwerder weitgehend identisch ist mit dem Pilgerweg. Auf einem Fluss-Rad-Weg zu pilgern ist ziemlich langweilig. Kurz vor Fischbeck auf der Brücke, die die B 83 überquert, kam dann das erwartete Klingeln und die glückliche Umarmung. Meinen Rucksack stellten wir auf den Gepäckträger und marschierten zusammen in die wunderschöne Anlage des Damenstifts Fischbeck.

 

Beim Abendessen fragte mich eine Frau vom Nachbartisch, ob ich diejenige sei, die pilgerte und deren Mann sie heute auf dem Pilgerweg überraschen wollte. Diese Geschichte hatte sie an der Rezeption gehört und war sehr gerührt. Ich auch. Jürgen strahlte.

 

Wunderbar, die Welt mal wieder an der Seite eines Mannes zu erleben. Nach dem köstlichen Essen und einem guten Glas Wein machten wir noch einen Rundgang durch die weitläufige Anlage und schliefen prima in unserem "süßen" Zimmer.

 

4. Tag Sonntag, 26. Juli 2009 von Fischbeck nach Hameln 7 km

 

Am Sonntag nach einem herrlichen Frühstück haben wir gepackt, Jürgen hievte sein Fahrrad wieder auf den Dachträger, doch bevor wir uns trennten, besuchten wir gemeinsam den Gottesdienst in der im 12./13. Jahrhundert entstandenen Stiftskirche. "Unter den alten Klöstern und Stiften am Oberlauf der Weser ist das über eintausend Jahre alte Stift Fischbeck das einzige, das seine Tradition bis heute wahren konnte. Das einstige Kanonissenstift blieb auch nach der Reformation ein Damenstift. Noch heute pflegen an diesem Ort Stiftsdamen die Tradition der Augustiner-Chorfrauen. "(WF-PW, Teil 1, S. 22)

 

Es war wunderbar, in diesem Kirchenraum einen Gottesdienst zu erleben. Auffallend war der hochliegende Altarraum, zu dem man sicher fünfzehn bis zwanzig Stufen brauchte. Überrascht waren wir, als durch den Mittelgang eine Gruppe von etwa dreißig alten Menschen oben zum Altar ging. Jürgen flüsterte: "Goldene Konfirmation". Meine Freundin Evi hatte vor einem Jahr Goldene Konfirmation - wir sind 65. Nein es war keine Goldene Konfirmation, aus der Umgebung feierten Menschen den 60., 65. oder 70. Jahrestag ihrer Konfirmation. Ich sah die Diakonissin aus Loccum wieder, eine nicht mehr ganz junge, aber sehr attraktive Frau.

 

Der Predigt und dem Aufruf, sich zu erinnern, hörte ich gerne zu. Auch wenn dieser Aufruf den Jubel-Konfirmanden galt, kamen mir viele Erinnerungen an Menschen, an Plätze, an gute und schlechte Lebenssituationen. Jürgen und ich erlebten das erste Mal gemeinsam einen Gottesdienst, das hat uns gefallen. Als das Austeilen des Abendmahles begann, stahlen wir uns vorzeitig raus.

 

Unsere Wege trennten sich nun wieder. Dass jemand freiwillig mit so viel Gepäck zu Fuß unterwegs sein wollte, das konnte Jürgen nicht verstehen, er grinste und ließ mich mit vielen guten Wünschen weiterziehen. Wie immer brauchte ich ein bisschen Zeit, um meinen Weg zu finden. Ich erinnerte mich daran, dass der Pilgerweg weitgehend identisch sei mit dem Rad-Weg und ging, ohne in den Wanderführer zu schauen. Auch heute fand ich es auf dem Radweg langweilig, außerdem waren am Sonntag viele Radfahrer unterwegs. Irgendwann wusste ich, dass ich nicht auf meinem Pilgerweg ging, ich hätte vom Stift aus anders gehen müssen. Nun war es zu spät, aber ich ärgerte mich. Wie oft schaue ich wegen vieler Kleinigkeiten im Wanderführer nach und übersehe dann doch Wesentliches.

 

Ein Trost - die Jugendherberge Hameln liegt am Ortseingang, direkt an der Weser. Da ich heute nur eine Strecke von sieben Kilometern hatte, war ich schon um 14 Uhr am Ziel. In mein Zimmer konnte ich noch nicht, aber ich konnte den Rucksack abstellen und die Wanderschuhe gegen Sandalen tauschen. Als ich den Rucksack abstellte, sah ich, dass er neben dem Rucksack von BvTh stand, erkennbar an dem schwarzen, breitkrempigen Hut.

 

Jetzt ist es 16 Uhr, ich sitze in Hameln auf dem Marktplatz unter einem großen Sonnenschirm, habe Rotbarschfilet mit Bratkartoffeln gegessen, genieße Espresso und Mineralwasser.

 

Von der Jugendherberge bin ich an der Weser entlang gegangen, dann links abgebogen in die historische Altstadt. St. Bonifatius, der Dom, hat mich mit Orgelspiel begrüßt, die Musik und der schöne Raum taten meiner Seele wohl. Langsam ging ich die Bäckerstraße entlang, alle Cafés und Straßenrestaurants sind gut besucht, es herrscht eine fröhlich-sommerliche Stimmung in Hameln.

 

5. Tag Montag, 27. Juli von Hameln nach Grohnde 14 km

 

Nach den ersten sechs Kilometern mache ich neben dem Radweg Rast, finde einen schönen Platz, die Kühltürme des Kraftwerks Grohnde sind schon zu sehen. Ich möchte noch ein paar Dinge vom gestrigen Abend aufschreiben.

 

Bei herrlichem Wetter saß ich am Abend an der Weser, ließ mich auf die Strömung des Flusses ein, schaute den Enten nach, die ich in ihrer Ruhe gestört und vertrieben hatte. Später saß ich in einem Pavillon, schrieb Karten an Ulrike Beck und Michael Kahl, der am Mittwoch fünfzig Jahre alt wird. Das Schaumburger Land, aus dem Ulrike die Karte erhalten sollte, weil sie doch hier geboren war, lag schon eineinhalb Tagestouren hinter mir. BvTh setzte sich eine Weile zu mir. Im Dom hatte er Ilse Conrad getroffen, die aber heute noch weiter wollte.

 

In meinem Mehrbett-Zimmer hatte eine junge Tessinerin ihre Sachen ausgepackt. Vor einer Woche war sie in Basel mit ihrem Fahrrad gestartet. Die Nordsee war ihr Ziel. Im Durchschnitt fährt sie 120 km täglich. Das hat großen Eindruck auf mich gemacht. Nach unserem Gespräch ging sie noch in den Aufenthaltsraum, um andere Menschen zu treffen. Menschen aus anderen Regionen oder anderen Ländern zu begegnen, das war für sie die Jugendherbergs-Idee. Beim Frühstück erzählte sie mir dann auch von einem jungen Australier, der seit ein paar Jahren in England lebt. Er zeigt seiner Mutter Europa.

 

Nach dem Frühstück mit ihr und BvTh gingen wir noch zusammen in die Innenstadt, sie suchte eine Buchhandlung, ich einen Briefkasten. Als wir beides gefunden hatten, verabschiedeten wir uns sehr herzlich voneinander.

 

Nun lege ich mich eine Weile hier auf die Wiese, über mir eine Linde, die Blüten geben keinen Duft mehr ab, der leichte Wind ist sehr angenehm.

 

Vier Stunden später - es ist jetzt halb drei - sitze ich im Biergarten des Grohnder Fährhauses. Mein Zimmer habe ich bezogen, die Kleinwäsche trocknet schon, vor dem Fliegengitter stehen Schuhe und Strümpfe. Die Strümpfe stinken. Soll ich sie waschen oder nicht? Ich erinnere mich daran, dass ein erfahrener Wanderführer davon abriet, der Talg, den die Füße absonderten, schützten sie gleichzeitig. Mit den Füßen habe ich keine Probleme, die Hüften und die Knie spüre ich, vor allem, wenn ich wieder länger gesessen habe.

 

Dass ich bei diesem herrlichen Wetter an diesem schönen Ort so früh ankomme, ist ein Geschenk. Große alte Lindenbäume spenden Schatten, ich sitze und schaue auf die Weser. Schade, dass die Fähre montags Ruhetag hat. Neben mir ist das Wasserschloss Grohnde und ich sehe den Turm der neuromanischen Kirche in Grohnde. Jens Gundlach hat mich neugierig gemacht. "Die Saalkirche, für das kleine Dorf ein bisschen groß geraten, wurde 1847 auf Befehl des Königs Ernst August von Hannover gebaut. Im Vorfeld der 1848er Revolution kriselte es auch im Landproletariat der Grohnder Gutsdomäne. Der König glaubte, hier das sozialpolitische Problem durch den Bau einer Kirche abfedern zu können. Über dem Kirchenportal wurde die auch paternalistisch zu verstehende Inschrift angebracht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. In der Tat, fiel die 48er Revolution im Königreich Hannover aus." (J.G. S. 57f.) Mein Interesse an dem Haus Hannover ist durch Jürgens Liebe zu den Welfen gewachsen.

 

Zu mir setzt sich ein Ehepaar aus Leipzig. Sie radeln von Hannoversch Münden nach Minden und brauchen nur zwei Übernachtungen. Früh sind sie in Leipzig losgefahren, kamen in Hann.Münden an und fuhren noch bis Karlshafen und wenn sie in Minden ankommen, gibt es noch einen Zug nach Hause. Also verweilen sie auch hier nicht lange.

 

Ich habe nichts zu tun. Das, was ich mir ansehen möchte, kann ich nicht erreichen, weil die Fähre Ruhetag hat. Die eine Seite des Radweges bin ich gekommen, die andere werde ich morgen kennen lernen, das Dorf am Ende der Straße zur anderen Zeit ist nicht sehr anziehend.

 

Von dem Verlauf meines Radweges mache ich eine Skizze. Morgen werde ich die ersten sechs von achtzehn Übernachtungen hinter mir haben, das heißt. dann beginne ich mit dem zweiten Drittel meines Weges. Bodenwerder, Kirchbrak, Amelungsborn, Silberborn, Uslar, Bursfelde sind die Plätze der nächsten sechs Übernachtungen. Das Herzstück meines Pilgerweges, die Landschaft meiner Kindheit und Jugend. Und Amelungsborn mitten drin. Von den Kilometern her habe ich morgen noch nicht ein Drittel; nach Amelungsborn werden die Tagesetappen länger.

 

Vor dem Abendessen entspanne ich mich in meinem Zimmer. Mir kommen Wörter aus der Hora in Loccum in den Sinn "Ich habe dich erlöst". Das tut meiner Seele gut. "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Das heißt, da ist ein Jemand.

 

"Sich auf das Leben einlassen" ist ein Gedanke, dem ich nachgehe. Lasse ich mich auf das Leben wirklich ein? Da ist eine Sehnsucht in mir, mich auf das Leben, auf mich, auf meine Mitmenschen einzulassen. "Einzulassen" - was heißt das? Kann ich das mit "lieben" gleichsetzen? Liebe ich einen Menschen, wenn ich mich ganz auf ihn einlasse? Wenn ich mich ganz auf das Leben einlasse, werde ich es dann lieben?

 

Nach dem köstlichen Abendessen werde ich dann doch "rückfällig" und nehme ein Buch aus dem Regal, das im Flur steht und lese"Die schreckliche Treue" von Marlen Haushofer. Alles ist richtig.

 

6. Tag Dienstag, 28. Juli von Grohnde nach Bodenwerder 13 km

 

Ich sitze auf dem Kirchhof von Hajen. "Schöne romanische Dorfkirche", so stand es im Wanderführer, und das verführte mich, den Weg an der Weser nach zwei Kilometern zu verlassen. Die Tür war offen. Die kleine Kirche war so, wie ich sie mir im schönsten ausgemalt hatte. BvTh war gestern hier.

 

Bevor ich mich heute morgen auf den Weg machte, hatte ich um 9 Uhr die Fähre nach Grohnde genommen. Das Wasserschloss ist nicht zu besichtigen, dort lebt der Verwalter der Domäne Der Schlosspark mit den vielen alten Bäumen hat die "Überfahrt" gelohnt. Um 10 Uhr war ich dann auf dem Weg und sang "Vertrau den neuen Wegen, auf die der Herr dich weist", ich kannte nur diese Zeilen. Mittlerweile habe ich hier im Gesangbuch nachgelesen. "Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, denn Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt". Ich bete, dass ER mich meine Wege erkennen lasse.

 

Mein zweiter Eintrag an diesem Tag ist um 14 Uhr, ich sitze vor der romanischen Pfeilerbasilika des ehemaligen Benediktinerinnen Klosters Kemnade. 1046 geweiht. Unter den alten Bäumen machte ich Picknick, d.h. mehr als einen Apfel und die Walnüsse von Jürgen hatte ich nicht. Das Wetter ist auch heute schön, der Himmel nicht ganz wolkenlos, es ist nicht mehr so schwül-warm.

 

Nach meinem Abstecher nach Hajen heute morgen, ging ich wieder zurück auf den Weser-Rad-Weg. Bevor ich in Daspe über die neue Weser-Brücke nach Hehlen ging, überholte mich ein älterer Radfahrer und fragte nach dem Pilgerweg. Er wollte ihn auch so gerne gehen, diesen Weg, hatte aber Angst, dass seine Kräfte nicht reichen würden.

 

Die Spitzen des Hehlener Schlosses sah ich von der Brücke aus, ebenso das schöne Café direkt an der Weser. Aber Hehlen meinte es nicht gut mit mir, das Café hat montags und dienstags Ruhetag und auf dem Schlossgelände dürfen sich Unbefugte nicht aufhalten! Herrliche Weser-Renaissance. Ich blieb aber auf der Hehlener Seite, ging an vielen alten Fachwerkbauten vorbei. Zwischen den Häusern blühen die Bechermalven, aber auch schon viele Spätsommer-Blumen. Einige Getreidefelder sind schon abgeerntet, nur der Mais steht noch.

 

Ich freue mich immer über die neben den Kirchen stehenden Schautafeln, die den Pilgerweg in seiner Ganzheit abbilden, daneben Hinweise auf die jeweilige Region. Da fühl ich mich aufgehoben.

 

Die Kirche in Kemnade öffnet um 14.30 Uhr und begrüßt die Eintretenden mit dem bekannten Text: Porta patet, cor magis. Begrüßt werden die Eintretenden aber auch von Gemeindemitgliedern, die gern Auskunft geben. Mich interessieren besonders die Grafen von Everstein, die in der Kirche ihr Grab haben. Ich höre, dass sie viel Gutes für die Region taten. Die Grafen von Everstein waren Herren auf der Homburg. Stadtoldendorf, der Ort meiner Kindheit, war die "Stadt unter der Homburg". Und die Ruine der Homburg war Ziel zahlloser Ausflüge und Wanderungen.

 

In der Altstadt von Bodenwerder werde ich später in einem griechischen Restaurant Gyros und Salat essen, Karten schreiben, auf die Leute schauen und das angenehme Wetter genießen. Um zur Jugendherberge zu kommen, muss ich wieder die Weser überqueren, ausgeruht schaffe ich den kurzen aber steilen Weg. In dem Doppelzimmer mit eigener Dusche bleibe ich allein, sitze lange draußen und genieße den Ausblick von oben auf den Verlauf der Weser.

 

Die Schwalben kommen wir in den Sinn, die wie in alten Kindertagen da sind. Ich seh die kleine Karin auf der Bürgersteigkante oder einem Mäuerchen sitzen, die anderen Kinder irgendwo daneben, die Kinder langweilen sich ein bisschen, aber die Schwalben sind da und die kleine Karin beobachtet, wie sie auf den Stromleitungen sitzen, eine kommt dazu, eine andere fliegt weg. Ich erinnere mich an diese besonderen Kehllaute, die sie herausquetschten. Und der Flug wie eh und je: bei schönem Wetter fliegen sie hoch oben, kurz bevor es regnet oder ein Gewitter kommt, segeln sie tief über den Boden. Die Erwachsenen hatten uns erzählt, dass das wegen der Mücken sei, die sich bei hohem Luftdruck tief unten aufhalten. Und die Schwalbennester sehe ich wieder vor mir, besonders in den Kuh- und Schweineställen. Viele schreiende Schnäbelchen schauen aus den Nestern. Die Schwalben-Eltern bringen Nahrung und stopfen die hungrigen Mäulchen.

 

Die kleine Karin sehe ich vor mir. Sie ist gut eingebunden in Kinderfreundschaften und in die Natur. Evi fällt mir ein. Wir wurden Freundinnen, als wir zur Mittelschule wechselten. Die ersten vier Volksschuljahre war Evi bei Fräulein Gudde und ich bei Fräulein Jidschin. Eingeschult wurden wir Ostern 1950, wir waren alle entweder Jahrgang 1943 oder '44. In diesem kleinen Ort gab es zwei Mädchenklassen und zwei Jungenklassen. Die Klassenstärke lag sicher zwischen 35 oder 40 Kindern. Geburtenstarke Jahrgänge! Evi und ich haben so vieles gemeinsam gemacht und erlebt, hatten keine Geheimnisse voreinander. Die Freundschaft bekam einen dicken Knacks, als wir 1965 zusammen nach Düsseldorf gingen und Evi mir nicht erzählt hatte, dass Willy dort auf sie wartete. In zwei Tagen werden wir uns in der Klosterschänke in Amelungsborn zum Abendessen treffen.

 

7. Tag Mittwoch, 29. Juli von Bodenwerder nach Kirchbrak 8 km

 

Heute wird Michael fünfzig Jahre alt. Ich sitze auf einer Bank vor der Königszinne. "Vollendet am 18. Oktober 1863 zur Jubelfeier der Schlacht bei Leipzig". Ein Turm steht hier, oben gezackt wie eine Königskrone. Bodenwerder liegt unter mir, durch die Baumlücken sehe ich die Weser und den Weg, den ich gegangen bin; am Horizont sind die Kühltürme des Kraftwerks Grohnde noch gut zu erkennen. Auch den Kirchturm von Hajen sehe ich.

 

Wenn ich an das Frühstück in der Jugendherberge denke, dann sehe ich die Familie vor mir: Fünf Kinder, die Mutter, eine attraktive, große, sportliche Frau mit modischer Kurzhaar-Frisur. Zwischen ihr und dem Vater der Kinder saß das Nesthäkchen, pinkfarbener Schlafanzug, vielleicht zwei Jahre alt. Rechts vom Vater der einzige Junge, etwa vier Jahre alt, dem Vater sehr ähnlich. Daneben die drei älteren Töchter, zum Teil schon Teenies, die viel miteinander kichern und flüstern, aber doch ganz in der Familie sind. Das Nesthäkchen ist noch ein bisschen verschlafen, mag nicht essen, nimmt ein Däumchen in den Mund, streichelt mit dem linken Händchen die kräftigen Oberarme der Mutter, schnippst dagegen. Die Mutter streichelt die linke Wange des Nesthäkchens. Bevor alle auseinandergehen, kommt der Vierjährige, möchte auf den Schoß der Mutter, möchte sich anschmiegen, setzt sich auf den linken Oberschenkel der Mama. "Das ist meine Mama" murmelt das Nesthäkchen und kommt auf den rechten Oberschenkel der Mama.

 

Ich war das jüngste von vier Kindern. Vieles wäre in meinem Leben einfacher gewesen, wenn ich nur einen Teil dieser Geborgenheit erlebt hätte.

 

Nach dem Frühstück war ich noch mal in Bodenwerder, ich musste zur Sparkasse. Zurück bin ich an der Weser entlang gegangen, habe mich auf eine Bank gesetzt und Evi angerufen, wir haben den Termin für den morgigen Abend bestätigt.

 

Kurz vor der Weser-Brücke bin ich am Hotel "Goldener Anker" vorbei gekommen. Das gab es schon in meinen Kindertagen. Das war sehr vornehm und sehr teuer. Haben wir hier mit Herrn Bartels mal gegessen? Herr Bartels, unser Vermieter sozusagen. Er war sicher schon 80 Jahre alt, als wir im Sommer 1946 in seine 160 qm große Wohnung einquartiert wurden. Er bewohnte die Wohnung schon länger nicht allein. Familien aus Hannover und Göttingen, deren Häuser und Wohnungen zerbombt waren, warteten dort darauf, in ihre Heimatorte zurück gehen zu können. Frau Hartwig, seine Schwägerin versorgte ihn, sie hatte die Parkinsonsche Krankheit, ich sehe noch ihre Hände zittern, später ging sie in ein Heim. Wir bewohnten erst ein Zimmer, in dem wir mit sechs Personen schliefen. Die große Küche nutzten wir alle gemeinsam, ebenso die Toilette, ein großer Raum, später ließen wir dort eine Badewanne und einen Badeofen installieren. Herr Bartels, Witwer und kinderlos, hatte Freude an uns vier Kindern. Es gab viele Sachen, für die wir Herrn Bartels dankbar waren und sind. Mein erstes Märchenbuch kam aus seinem Bücherschrank. Einige schöne Nussbaum-Möbel von ihm zieren mein Wohnzimmer. Und er sorgte dafür, dass wir - die Flüchtlinge - unsere neue Heimat kennen lernten. Wie oft wir mit dem Weser-Dampfer unterwegs waren, weiß ich nicht. Es gibt ein Foto, da ist meine Freundin Marianne dabei, Brigitte durfte ihre Freundin Ilse mitnehmen. Die Weser-Dampfer hatten damals vornehme Restaurants, wir saßen an fein gedeckten Tischen, es gibt ein Foto, auf dem der Ober uns bedient. Auf den Dampfern ging es so vornehm zu wie im Hotel "Goldener Anker". Meine Schwester Brigitte hat Herrn Bartels ein Denkmal gesetzt in ihrer Abschluss-Arbeit an der Mittelschule mit dem Titel "Meine zweite Heimat - das Weserbergland".

 

Es ist zwei Stunden später, die Glocken des Klosters schlagen zwölf mal, ich sitze auf der Mauer vor dem hölzernen Eingangstor. In dem Schaukasten des deutschen orthodoxen Dreifaltigkeitsklosters gibt es Angebote für Pilger, die auf mich alle nicht zutreffen. Ich bin nicht männlich, komme nicht in einer Gruppe, habe mich vorher nicht angemeldet. Recht haben sie, die dort Lebenden, wenn sie schreiben, sie wollen nicht besichtigt werden. Dieses besondere Kloster stand schon auf meinem Plan, aber nun weiß ich, dass ich nicht hineingehen werde. Ich male mir aus, wie es wäre, wenn einer der Mönche durch das Tor käme und mich einlüde in sein Kloster. Da ist zunächst ein Gefühl von Abwehr, Abwehr mich einzulassen. Gleichzeitig aber auch eine Sehnsucht. Ein Mönch müsste kommen, mich an die Hand nehmen und führen, mir sein Kloster zeigen und von seinem Glauben erzählen. Das würde mir gefallen, aber es kommt niemand.

 

Bis Buchhagen ist es nicht weit. Das Gasthaus Mittendorf sieht sehr imposant aus. Später werde ich erfahren, dass dort viele Größen der Volksmusik auftreten und das Restaurant dadurch überregionale Bedeutung hat.

 

Von Buchhagen nach Kirchbrak, meinem heutigen Ziel, sind es nur drei Kilometer, also mache ich einen Exkurs nach Linse zur neogotischen Frauenkapelle. Ein freundlicher junger Mann zeigt mir den Weg entlang der Lenne. Der Ort Lenne ist mir gut vertraut, vier Kilometer entfernt von Stadtoldendorf, das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, lag an der Lenner Straße, aber das Flüsschen kannte ich nicht. Ich stehe auf einer Brücke: Ein kleines Wehr weitet den Bach zu einem See, die den Bach umstehenden Bäume spiegeln sich im Wasser. An einigen Stellen bricht sich das Wasser den Weg und fällt mit viel Lärm etwa zwei Meter in die Tiefe. Später wird mir der freundliche junge Mann erzählen, dass auf dieser Brücke mit diesem Hintergrund Models fotografiert werden.

 

Der Weg an der Lenne entlang hat gelohnt. Die Kapelle war geschlossen, aber die schönen alten Gehöfte in Linse waren es wert, gesehen zu werden. Wieder in Buchhagen, führt der Weg nach Kirchbrak auf einer alten Bahntrasse, die Lenne ist immer wieder zu sehen. Mein Ziel ist der Gasthof "Zur Linde". Als ich ankomme, wird eine Beerdigungsgesellschaft verabschiedetet. Es sieht alles ein bisschen ungepflegt aus. Frau Jütte ist viel krank, Herr Jütte ist freundlich und laut. Zwei Skatgruppen sitzen am Abend im Restaurant. Das Essen ist leider nicht so gut, wie in der Kirche von Kemnade angekündigt. Zwei Pilgerinnen kommen abends noch ins Restaurant, zwei junge Frauen aus Uslar, die nur einen kleinen Teil des Weges gehen. Aber sie gehen an einem Tag so viel, wie ich an drei Tagen gehe. Zur Zeit habe ich auch immer noch kurze Etappen.

 

Die kleine romanische Kirche St. Michael ist etwas Besonderes, vor allem der barocke Altar. BvTh hat sich wieder vor mir eingetragen.

 

8. Tag Donnerstag, 30. Juli Kirchbrak - Amelungsborn 11 km

 

Heute geht es nach Amelungsborn, zum Kern, zum Innersten meiner Pilger-Tour. Der Weg führt bergauf und bergab durch den Vogler. Als ich Kind war, schenkte mir mein Papa 50 Pfennig, weil ich als kleines Mädchen so tapfer durch den Vogler gewandert war. 50 Pfennig war damals für mich viel Geld.

 

Zwei Stunden brauchte ich von Kirchbrak zum Ebersnacken, der höchsten Erhebung des Voglers. Den Turm bestieg ich, aber nicht bis ganz oben, es war so windig, dass ich Angst bekam, der Wind könnte mich runterreißen. Zum Blick vom Ebersnacken steht im Wanderführer: "Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war gut."

 

Es war gut, es ist gut, der Blick schweift weit über das Weserbergland. Der Wind hat viele Wolken vertrieben, der Himmel ist tiefblau, das Weiß der restlichen Wolke hebt sich strahlend davon ab, die roten Früchte der Eberesche schieben sich davor. In den zwei Stunden bin ich keinem Menschen begegnet, ich ging den Weg aber in der Gewissheit, dass die beiden jungen Frauen , die mit mir bei Jüttes übernachtet hatten, den Weg kurz vor mir gegangen sind. Sie wollen heute bis Neuhaus.

 

Das Lied, das mich heute und viele weitere Tage begleitet, kenne ich von Maria. Mit ihr haben wir meditativ getanzt, auch nach diesem Lied: Und wir gehn gehn gehn, immer weiter gehn und das Leben mit neuen Augen sehn, und vertraun, traun, traun auf die Liebe baun, mal nach hinten, mal nach vorne schaun und weitergehn.

 

Mir und meiner Therapeutin erzähle ich die Geschichte von dem Flüchtlingstransport, der vor dreiundsechzig Jahren in Stadtoldendorf ankam. Darin saß die kleine Karin auf dem Schoß ihrer Mutter. Sie stiegen aus dem Zug, wohnten in einem Zelt auf dem Ballisgraben, dem Kirmesplatz. Während ich erzähle, weine ich.

 

12.10 Uhr. Ich bin da . Ich komme aus dem Wald, ich sehe, und was ich sehe, treibt mir die Tränen in die Augen. Später werde ich sagen, dieser Moment war der Höhepunkt meines Pilgerweges. Vor mir im Hintergrund sehe ich den Solling. Die Dörfer Braak, Deensen und Arholzen erkenne ich, links davon sehe ich den Holzberg mit seinen Wiesen und mit seinen von Hecken gesäumten Wegen. Rechts von mir sind der Burgberg und der Everstein. Das Kloster Amelungsborn ahne ich mehr hinter den Bäumen, als dass ich es sehe. Aber die B64 nehme ich wahr. Stadtoldendorf, die Homburg und den Kelberg mit dem Aussichtsturm kann ich von hieraus nicht sehen. Direkt unter mehr höre ich das Läuten der Kuhglocken, sehe die grasenden Kühe und die Dächer von Holenberg. In meiner Seele ist Frieden.

 

In Holenberg werde ich bei Gundula Schriever klingeln. Sie wohnt noch in dem Haus, in dem sie geboren wurde. Gundel, unsere Klassenbeste, Fahrschülerin. Sie und Barbara Fricke mussten immer früher den Unterricht verlassen, wenn wir bis zur sechsten Stunde hatten. Es braucht ein bisschen, bis ich die Adresse finde. Gundel ist ein etwas verwirrt, als sie mich sieht und ich bin erschrocken. Seit zehn Jahren leidet Gundel an der Parkinsonschen Krankheit. Wir erzählen, ihr Mann kommt dazu. Heute Abend auch in den Klosterkrug zu kommen - nein, das geht nicht mehr. Wir umarmen uns lange beim Abschied. Im Kloster Amelungsborn werde ich später eine Karte finden mit dem Aufdruck "Ich habe für dich im Kloster Amelungsborn eine Kerze angezündet" und sie ihr schicken.

 

Zwei Kilometer sind es noch bis zu meinem heutigen Ziel. Hier hat sich nicht viel verändert seit meinen Kindertagen. Die Gebäude sind aus rotem Wesersandstein, es sieht alles ein bisschen ordentlicher aus als früher, ich sehe kaum Menschen. Das Herrenhaus mit einem See davor ist frisch renoviert, der offene Sonnenschirm auf der Terrasse bedeutet, hier wohnen Menschen, eine Absperrung verbietet ein Näherkommen. Später höre ich, dass hier nicht mehr die Familie Mockwitz wohnt, für die wir damals in den fünfziger Jahren auf den Feldern unser Taschengeld verdienten.

 

Die Pilgerwohnung mit insgesamt fünf Schlafplätzen bewohne ich allein. BvTh hat eine Nacht vorher hier geschlafen, ich lese seinen Eintrag im Gästebuch. Danach wird es keine Einträge mehr von ihm geben, wahrscheinlich hat er hier seinen Weg beendet. Mein Zimmer ist geräumig, mit vielen schönen alten Möbeln geschmackvoll eingerichtet. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich auf den Kräutergarten und weiß, dass unterhalb der Mauer das Hooptal liegt, das ich nicht sehen kann. Ich bin auf heimatlichem Boden. Mein erster Weg führt mich in die Kirche. Schöner als Jens Gundlach kann ich es nicht ausdrücken: "Hinter der schweren Kirchentür stehe ich erst einmal im Dunkeln: Der romanische Teil des Langhauses lässt wenig Licht ein. Wie ein Sog zieht es mich nach Osten zum Hochchor, wo gotische Fenster mit ihrer Helligkeit und durchziehenden Sonnenstrahlen Zeichen der Hoffnung sind."

 

In Niedersachsen sind Schulferien, deshalb ist der Hausmeister des Klosters mit seiner Familie nicht da. Ein Konventsmitglied und ein Mitglied der Familiaritas, Herr von W., sorgen für das Wohl der Gäste und laden zu den Stundengebeten ein: Mette, Mittagsgebet, Vesper und Komplet.

 

Herr von W. führt mich durch die Kirche, wir kommen ins Gespräch, auch über die Zisterzienser, da kenne ich mich ein bisschen aus, weil Rudi, mit dem ich dreißig Jahre verheiratet war, so oft es ihm die Zeit erlaubte, in ein Zisterzienser-Kloster in der Eifel fuhr. Den Altabt vom Kloster Himmerod kannten wir beide - Herr von W. und ich. Mit Erstaunen sehe ich auf das Buch, das Herr von W. mit sich trägt. "Die vergessene Generation - Kriegskinder brechen ihr Schweigen" von Sabine Bode. Er hat die Lektüre noch vor sich, seine Kinder haben ihm das Buch geschenkt. Wenn ich das Buch nicht gelesen hätte, würde ich wahrscheinlich diesen Pilgerweg nicht gehen. Als Flüchtlingskind aus Oberschlesien in Stadtoldendorf aufgewachsen zu sein, hat mein Leben viel stärker geprägt, als ich mir das bis dahin klar gemacht hatte. Erst die Lektüre dieses Buches hat mir vieles bewusst gemacht. Wir waren die Flüchtlinge, sie waren die Einheimischen, wir waren die Katholiken, sie waren die Evangelischen und viele von uns hatten polnische Familiennamen. Mein Mädchenname ist Kaczmarczyk, die Klasse konnte den Namen im Chor buchstabieren, weil jeder neue Lehrer, jede neue Lehrerin fragte: Wie heißt du? Wie wird das geschrieben? In einem Artikel des Täglichen Anzeigers vom Februar 1950 heißt es unter der Überschrift "700 Oberschlesier in Stadtoldendorf" am Ende: "Insgesamt sind sie alle weit besser als ihr manchmal falsch gegebenes Bild. Der Oberschlesier ist gutmütig, zähe in dem, was er für richtig hält, man kann mit ihm gut brüderlich sein. Die Schale sagt nicht viel, man muss den Kern suchen".

 

Wir waren vier Geschwister, niemand von uns hat hier Wurzeln geschlagen, wir sind alle weitergezogen. Habe ich in Kettwig, hat Alfred in Hannover, hat Brigitte in Kiel, hat Horst in Hamburg Wurzeln geschlagen? Ich meine ja. Wir waren alle mit Protestanten verheiratet. Warum ich erst kurz vor meinem 50. Geburtstag die katholische Kirche verlassen und in die evangelische aufgenommen wurde, ist rückblickend ein Rätsel.

 

Mein Text im Gästebuch "Danke für manche Einblicke und für viele gute Ausblicke. Dem schönen Ort dieses Klosters wünsche ich viel Lebendigkeit".

 

Um 18 Uhr treffe ich Evi und Willy im Klosterkrug. Wir sitzen draußen, ich sehe im Hintergrund den Köterberg, er ist der höchste Berg des Weserberglandes, ich war nie dort. Es wird ein besonders schöner Abend, nicht nur wegen der frisch zubereiteten Reibekuchen, die es zu den Pfifferlingen gibt. Wir trinken Allersheimer Bier, die Brauerei ist in Holzminden. Evi erzählt von ihrer Goldkonfirmation vor einem Jahr. Dort wurden auch alte Fotos ausgetauscht. Eines zeigt etwa 35 kleine Mädchen mit ihren Schultüten. Einige sind sofort zu erkennen, mich selbst finde ich nicht, vermute mich hinter zwei Gesichtern. Aber die Tüte des einen Mädchens ist zu groß, so groß war meine nicht. Wie sagt Evi über sich selbst? "Wahrscheinlich hatte meine Mutter das Geld nicht für das Foto, da bin ich erst gar nicht mit draufgekommen." Aber es gibt zwei Mädchen, die ihre Köpfe nach unten halten, eines davon könnte Evi sein.

 

Für Evi ist der nächste Tag Alltag, also verabschieden wir uns nicht so spät. Ich gehe noch in die Komplet. Die beiden Sänger laden mich ein, mit ihnen auf dem Hochaltar zu sitzen. So ganz wohl fühle ich mich nicht da oben. Aber ich schlafe gut danach und bin um acht Uhr wieder in der Mette, diesmal singt nur noch einer.

 

9. Tag Freitag, 31. Juli 2009 von Amelungsborn nach Silberborn 22 km

 

14.30 Uhr. Wofür brauchen die Menschen in Schießhaus einen so großen Spielplatz? Die Kinder - in den vier Häusern wird es so viele nicht geben - haben um sich herum nur Spielfläche: Wald, Wege, Wiesen, Hecken, Gärten. In Schießhaus wohnten Freunde meiner Eltern. Der Sohn war als junger Mann Schiffs-Steward und fuhr um die ganze Welt. Von Hongkong schickte er mir mal gelbe Rosen. Später heiratete er eine Schulfreundin von mir. Die Ehe ist geschieden. Ob er hier noch lebt?

 

Mir dient der Spielplatz als Rastplatz. Schon in Schorborn hatte ich nach einer Bank gesucht, aber keine gefunden. Nun ist es schon halb drei, die letzten Kilometer sind mir schwergefallen.

 

Nach der Mette und dem Frühstück mit Herrn von W. brach ich viel zu spät auf. Die Wegstrecken werden jetzt länger. Hinter dem Kräutergarten stieg ich auf einer kleinen Leiter von der Klostermauer ins Hooptal. Hier kannte ich mich aus, brauchte keinen Wanderführer, kein Pilgerzeichen.

 

Ins Hooptal kam immer wenig Sonne, die Feuchtigkeit hielt sich sehr lange. Irgendwann die ersten Häuser von Stadtoldendorf, Gipswerke gab es hier, Weser-Sandstein-Brüche, die Weberei. Es gibt nur noch wenige Arbeitgeber in Stadtoldendorf. Das alte Verwaltungsgebäude der Weberei ist jetzt das Fünf-Sterne-Hotel Moseler. Auf dem abgerissenen Fabrikgelände stehen die großen Einkaufsmärkte Aldi und Co. Es sah nicht sehr einladend ein. Die Weberei Kübler war Arbeitgeber für so viele, dann kam das große Sterben der Textilunternehmen, nicht nur hier.

 

Leider hatte ich kaum Zeit für Stadtoldendorf. Im letzten Herbst bin ich mit meinem Freund Jürgen die alte Stadtmauer entlang gegangen mit den Stadttoren: Hagentor, Teichtor, Burgtor, Försterberg-Turm. Im Rathaus-Keller machten wir damals Frühschoppen. Die Volksschule, die Mittelschule, die Herz-Jesu-Kirche, in der ich die erste Heilige Kommunion empfing, aber auch die Evangelische Kirche, in die ich so gerne mit meinen Freundinnen ging. Ich wäre so gerne evangelisch gewesen - wie Marianne, Elke und Monika - die Freundinnen meiner ersten vier Schuljahre. Ich war die einzige, die dann zur Mittelschule wechselte, ich lernte neue Freundinnen kennen. Gegenüber der evangelischen Kirche das Rathaus mit dem Standesamt, in dem 1971 getraut wurden. Im nahe gelegenen Kloster Corvey wurden wir kirchlich getraut.

 

Heute hatte ich nur Zeit für einen Weg die Teichtorstraße hoch, ich brauchte einen Regenschirm, das Regencape hatte sich nicht bewährt. Bis zum Marktplatz ging ich, ich kannte niemanden mehr.

 

Mein Weg führte über den Friedhof. Das Gräber der Eltern und Großeltern sind eingeebnet, aber ich kann noch sehen, wo sie waren. Erst starb mein Großvater, dann mein Vater, meine Mutter, die Großmutter Therese war die letzte, sie starb kurz vor ihrem 97. Geburtstag - in Kettwig.

 

Den Wartheweg ging ich entlang, las vertraute Namen von Kleinunternehmen, auf der Deensener Straße verließ ich Stadtoldendorf. Ich drehte mich ein letztes Mal um, sah den Kellberg, den Vaseberg, die Straße nach Linnenkamp. Der Kellberg war unser Spielplatz, die Wiesen waren im Winter unsere Rodelbahnen, sie gehörten fast alle meiner Freundin Marianne. Im Sommer halfen wir bei der Heuernte, gern denke ich an die dick mit Wurst belegten Brote zurück, die wir mitbekamen, wenn wir die Kühe oder die Gänse hüteten. Irgendwann wurde das alles Bauland, Marianne wohnt dort oben in einem großen komfortablen Haus. Vor ein paar Jahren ging ich mal in die Gärtnerei, die jetzt Mariannes Tochter gehört. Da sah ich auch Marianne wieder, wir gingen durch die alten Gewächs-Häuser, sie lud mich in ihr Haus, ich sah ihre Mutter wieder und Horst, ihren Mann, er war mein Kollege in der Anwaltskanzlei, in der ich meine Ausbildung machte. Das Wiedersehen war schön, aber ich habe mich bei Marianne nie wieder gemeldet, es war in der Zeit, in der ich ahnte, dass unsere Ehe am Ende war. Heute ist der Kellberg dicht besiedelt, da blühen keine Wildblumen mehr, die wir pflückten und unseren Müttern brachten: Veilchen Himmelschlüsselchen, Margariten.

 

Die Straße nach Deensen ist jetzt asphaltiert, ich ging auf dem Rad- und Fußweg. Den gab es früher nicht, wenn wir zu Fuß in den Solling gingen. Im Solling suchten wir Pilze, sammelten Blaubeeren, machten Picknick und Ballspiele. Meist gesellten sich Freunde und Freundinnen von uns und den Eltern dazu. Abends schmeckten die geschmorten Pilze, einige wurden aufgeschnitten und getrocknet. Oder es gab mit Blaubeeren gefüllte Piroggen mit ausgelassener Butter. Unsere Finger waren noch tagelang blau von den Beeren. Die Einheimischen beäugten etwas befremdet unsere Ausflüge, sie hatten ihre Gärten, besuchten ihre Verwandten, Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Unsere vielen Verwandten wohnten in ganz Deutschland und in Polen verstreut.

 

Der Pilgerweg, der von Deensen nach Schorborn führte, war für mich neu, das war nicht die vertraute Landstraße. Auch der Pilgerweg nach Schießhaus ging parallel zur Straße, 3,6 km, keine Menschenseele, keine Bank zum Ausruhen.

 

Nach meiner langen Rast in Schießhaus machte ich mich wieder auf den Weg. Bis Silberborn war es noch weit. An dem Weg, der rechts abging nach Holzminden, schickte ich meiner Schwester Brigitte eine SMS. Diesen schönen Weg sind wir runtergeradelt, als wir vor ein paar Jahren den Weser-Rad-Weg fuhren und in Holzminden zwei Nächte Quartier machten, um den Solling wiederzusehen und Freundinnen zu treffen.

 

Den ersten Menschen begegnete ich erst kurz vor Silberborn, bis dahin ging ich einen breiten Waldweg, sah Abzweige rechts nach Fürstenberg und links nach Hellenthal. Das letzte Stück führte durch eine Heide- und Moorlandschaft, der Holzsteg war hochgelegt. Leider hatte ich für die Schönheiten der Natur kein Auge mehr, ich war erschöpft. Ein älterer Mann begleitete mich zum Haus Luecken. Nach dem Auspacken und Duschen musste ich noch mal ein weites Stück gehen bis ich ein Restaurant fand. Nach diesem langen Tag habe ich besonders gut geschlafen.

 

10. Tag Samstag, 1. August. von Silberborn nach Uslar 19 km

 

Bis Neuhaus war es nicht weit. Neuhaus, das Zentrum des Sollings. Christuskirche, klassizistischer Bau aus dem Jahr 1780, auf der anderen Seite steht das Schloss, das Georg III. von Hannover (Welfe) als Jagdschloss bauen ließ, daneben das Gestüt mit der Trackener-Zucht. Mein Eintrag im Gästebuch: "Heute morgen bin ich in Silberborn aufgebrochen und bevor ich mich auf den Weg nach Uslar mache, will ich hier ein bisschen verweilen. Heute in einer Woche werde ich in Volkenroda sein und möchte hier Stärkung erfahren für den zweiten Teil meines Weges - Karin aus Essen"

 

Um 19 Uhr sitze ich in Uslar im Restaurant Menzhausen, gegenüber plätschert es aus einem modernen Brunnen. Ich habe Flammkuchen gegessen. Auf der Hauptstraße war nicht viel los, alle Geschäfte geschlossen, es ist Samstag, es waren nur wenige Menschen unterwegs. Die Kirche war geschlossen, der Platz davor groß und menschenleer.

 

Der heutige Weg unterschied sich nicht sehr von dem gestrigen Weg von Schießhaus nach Silberborn. Es ging fast nur durch den Wald, einige Radfahrer begegneten mir. Die Erinnerungen an Stadtoldendorf werden weniger, in meine Tagträume kam mir das Bild eines Kloster-Lädchens auf dem Gelände des Klosters Amelungsborn. Den Solling-Turm habe ich bestiegen und den weiten Ausblick genossen. Von dort waren es noch fünf Kilometer bis Uslar. Als ich aus dem Wald kam und den Solling mit seinen einsamen Waldwegen verließ, sah ich Uslar schon unter mir, nun ging es über Asphaltwege weiter. Eine Autofahrerin fragte mich, ob sie mich bis Uslar mitnehmen könne. Bis zur JH hat sie mich gebracht und war sehr neugierig auf meine Erfahrungen als Pilgerin. In der JH hatte ich ein großes Einzelzimmer.

 

11. Tag: Sonntag, 2. August von Uslar nach Bursfelde 20 km

 

Nach dem Frühstück brach ich früh auf, suchte lange nach dem Pilgerzeichen, war unsicher, hatte Angst, in die falsche Richtung zu gehen, endlich kam ein Mann mit Hund vorbei und versicherte mir, auf dem Weg zum Gut Steimke zu sein.

 

Erste Rast machte ich nach vier Kilometern in Vernawahlshausen. Der Ort gehört zu einem kleinen Landstrich Hessens, östlich der Weser. Die Kirche war zu Teilen aus dem 11. Jahrhundert. Ich war ganz allein in dem kleinen Kirchenraum. Der Altarraum mit seinem romanischen Gewölbe drückte viel Geborgenheit aus, aber ich fühlte mich nicht geborgen, im Gegenteil, ich fühlte schmerzlich meine Ungeborgenheit.

 

Über die Ortschaften Arenborn, Heisebeck und Fürstenhagen kam ich wieder in ein Waldgebiet, hinter dem das an der Weser gelegene Benediktiner-Kloster Bursfelde lag. An diesem Tag war es nicht der Weg, der mir besonders gefiel, aber das Kloster Bursfelde war anziehend. Mit dem Eintritt in das Dorf Fürstenwald befand ich mich wieder auf dem Boden der Hannoverschen Landeskirche. Wo die Nieme in die Weser mündet, liegt die 1093 vom Kloster Corvey gegründete, ehemalige Benediktinerabtei Bursfelde. Ich betrete die lang gestreckte romanische Doppelkirche. Irritiert schaue ich mich um in diesem hohen Raum. Wo ist die Kirche? Eine Tür rechts - eine Tür links. In der Tür rechts werde ich um 18 Uhr an einem Abendgebet mit Liedern aus Taizé teilnehmen. In der Tür links ist der Raum der Stille. Eine Karte mit der Ansicht dieses Raumes werde ich an Brigitte schicken. Dort haben wir 2003 gemeinsam gestanden.

 

Quartier habe ich in der Klostermühle. Als ich ankomme, ist weder im Restaurant drinnen noch draußen auf der Terrasse ein Platz frei. Es ist Sonntagabend, das Restaurant ist für seine gute Küche bekannt.

 

Das Zimmer ist klein, aber sehr geschmackvoll eingerichtet, wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich die Weser. Auf meinem Weg zum Abendgebet treffe ich Birgit, eine junge Lehrerin aus Schleswig-Holstein. Sie geht den Weg in die andere Richtung, sie pilgert zum Kloster Wülfringshausen, dort im Convent lebt eine Freundin von ihr. Wir essen zusammen. Endlich kann ich einem Gegenüber von den vielen Eindrücken der letzten Tage erzählen. Wir frühstücken noch zusammen, dann trennen sich unsere Wege wieder. Lange habe ich nicht mehr so viele Karten verschickt von einer Reise. Es ist mein Bedürfnis, mich mitzuteilen.

 

12. Tag Montag, 3. August von Bursfelde nach Dransfeld 14 km

 

Heute hieß es Abschied nehmen, Abschied von der Weser, Abschied von der Landschaft meiner Kindheit. Der Weg von Bodenwerder bis Bursfelde, der Weg weg von der Weser, durch den Vogler, Kloster Amelungsborn, durch den Solling und zurück an die Weser, das war das Herzstück meines Weges. Nun komme ich in eine mir gänzlich unbekannte Landschaft. Die ersten sieben Kilometer führten mich entlang des kleinen Flusses Nieme, der Weg war feucht und matschig, der Bäume ließen die Sonne nicht durch. Löwenhagen verließ ich in Richtung Imbsen, machte dort Rast auf einer Anhöhe am Ausgang des kleinen Ortes. Die Kirchenglocken läuteten, ein Mensch wurde beerdigt. Auf allen Straßen des Ortes sah ich in Schwarz gekleidete Menschen zum Friedhof gehen. Von meiner Bank aus genoss ich die Aussicht nach Norden, sah den Solling-Turm, Teile des von mir gegangenen Weges. Nach Dransfeld war es nicht mehr weit, dort hatte ich in dem schönen Hotel "Zur Krone" mein Zimmer gebucht. Das Zimmer ist geschmackvoll eingerichtet, der Ort hat wenig Attraktionen, wird durchschnitten von der B3. Ein Mann sprach mich an, er sah mich gestern in Bursfelde, ist einer der Ehrenamtlichen dort. Er wollte den Pilgerweg auch gehen und von mir ermuntert werden. Das tat ich gern.

 

Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte, ging in ein Café, schrieb Karten. Abendessen im Hotel. Ich saß allein an meinem Tisch. Außer mir gab es nur einige Gäste, die am Stamm-Tisch saßen. Um neun Uhr zog ich mich zurück. Der Weg war nicht besonders anstrengend, müde bin ich noch nicht. Ich halte Rückschau. Es geht mir gut, wenn ich gehe, vor allem das Gehen bis 15 Uhr, danach ist es oft anstrengend und manchmal eine Qual. Erinnerungen an den schönen Weg durch die Moorlandschaft kurz vor Silberborn kommen mir. Das strahlende Weiß der Birkenstämme, Wollgras, Blaubeeren. Doch ich war so erschöpft, dass ich mich daran nicht erfreuen konnte. Einen Tag später war es der Aufstieg zum Solling-Turm. Tränen der Wut und Verzweiflung kamen mir, als der Aufstieg nicht enden wollte.

 

Besonders gut ging es mir beim Gehen, Schauen, Singen, bei Ausblicken in die Landschaft, bei Momenten der Stille, beim Beobachten der Vögel. Tief in meinem Innern ließ ich mich anrühren von Kirchenräumen. Das Wort Spiritualität kommt mir in den Sinn. Texte und Bilder, denen ich dort begegnete. Ich glaube, es war die Kirche in Neuhaus, dort sah ich moderne Kunst und war wie nie vorher von ihr erfasst. Von den Kirchenräumen sind es besonders die romanischen, die frühromanischen. Sie sind erdig, schmucklos, geben mir ein Gefühl von Geborgenheit.

 

Zeilen aus dem Text "Wohlan du Pilgerseele", den Maria, unsere Tanzlehrerin uns mal gab, taten meiner Seele wohl und nahmen wir immer wieder die Ängste, die kamen, auch schon bald nach meiner Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Gleichwohl war ich so sicher, dass ich diesen Weg gehen würde, nachdem ich die Schautafel im Kloster Amelungsborn gesehen hatte.

 

Gut ging es mir, wenn ich meinen Erinnerungen nachhing. Das Weinen schwemmte etwas fort. Aber auch, wenn ich meinen Tagträumen nachhing: Mein Kloster-Lädchen im Klostergelände Amelungsborn, das Buch, das ich schreiben werde, über diesen Weg, das Wiedersehen mit meinen Freundinnen und Freunden in Kettwig, denen ich von diesem Weg erzählen werde. Besonders gut ging es mir auch bei den vielen Begegnungen mit Menschen, manchmal nur ganz kurz, manchmal für ein paar Stunden.

 

13. Tag Dienstag, 4. August von Dransfeld nach Friedland 22 km

 

Um 11.30 Uhr sitze ich bei herrlichem Wetter vor der kleinen Andachtshütte unterhalb des Gauss-Turmes. Der Aufstieg von Dransfeld führte mich durch einen Wald, es war angenehm kühl. Immer wieder blieb ich stehen und genoss die Ausblicke auf sonnige Wiesen, weidende Kühe, in der Ferne liegende kleine Orte. Eine große Stille war um mich. Im Gauss-Turm dann die Überraschung: Es gibt dort einen Aufzug. Der 51 Meter hohe Turm mit seiner Aussichtsplattform diente einmal als Gedenkstätte für den Göttinger Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauss (1777-1855). Vor kurzem erst hatte ich das Buch von Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, gelesen, deshalb war mir Gauss recht vertraut. Bei diesem Wetter, dieser Ausblick: Harz, Weserberge, Habichtswald, Reinhardts-Wald, Hannoversch-Münden - Grenzen meiner Kindheit und Jugend. Deutschland ist schön.

 

Mein Eintrag in das Gästebuch der Kapelle: Du Gott weißt das Geheimnis meines Lebens und dieser Welt, aber deine Gedanken sind mir zu hoch. Leite mich auf deinen Weg. Fremd klingt mir der Text, das ist nicht meine Sprache, gleichwohl habe ich ihn geschrieben, so gefühlt.

 

Mein Weg brachte mich nach weiteren vier Kilometern ins Bioenergiedorf Jühnde. 2005 wurde hier die gesamte Strom-und Wärmeversorgung auf die Basis von Biomasse umgestellt. Als ich kurz vor dem Kloster Mariengarten war, einstiges Zisterzienserinnen-Kloster, heute ein landwirtschaftlicher Betrieb, kam mir ein Bus entgegen, der nach Friedland fuhr. Das war ein freundlicher Hinweis von oben! Jetzt war es noch zu früh, den Bus zu nehmen, aber als ich nachschaute, sah ich, dass in zwei Stunden der nächste fährt. So lange wollte ich hier nicht bleiben. Nach einem Picknick und dem Besuch der alten Klosterkirche ging ich weiter über Klein-Schneen nach Elkershausen. Dort musste ich nicht lange auf den Bus warten. Es waren nur noch ein paar Kilometer, den Weg zu gehen wäre wegen der vielen Bundesstraßen nicht angenehm gewesen. Vom Bus aus sah ich rechts auf der Anhöhe das Friedland-Denkmal, das auch von der A7 zu sehen ist. "Völker entsagt dem Hass, versöhnt euch, dient dem Frieden und baut Brücken zueinander".

 

Der Bus hielt fast vor dem Haus der Familie Klier.

 

Kurz nach 19 Uhr sitze ich auf der Terrasse des Restaurants Biewald. Außer mir ist kein Gast da, aber ich genieße die Sonne im Rücken, das gediegene Ambiente, den Badischen Weißwein zur Forelle. Über mir im Baum schimpft ein Vogel. Vor der Forelle verwöhnte mich die Küche mit kleinen Vorspeisen und verabschieden Brotaufstrichen. Warum es hier so leer ist? Im zweiten Restaurant von Friedland ist heute Schnitzel-Tag. Auf meinem Weg zum Grenzdurchgangslager sehe ich viele Menschen dort sitzen.

 

Der markante Glockenturm zeigt mir den Weg zum einstmaligen Auffang-Lager/Durchgangs-Lager. In den Gebäuden wohnen heute Menschen verschiedener Nationen, ich sehe es und höre es an den Sprachen.

 

1957 war ich in Friedland. Es war im Spätsommer, im frühen Herbst. Unsere Großeltern mütterlicherseits hatten in Oberschlesien, das unter polnischer Verwaltung stand, einen Ausreise-Antrag gestellt. Da unser Großvater, Jahrgang 1889, Rentner geworden war, gab es keine Probleme. Eines Abends kam dann der Anruf bei Nachbarn an, dass die Großeltern in Friedland angekommen seien. Die katholische Kirchengemeinde stellte uns einen Kleinbus zur Verfügung, so dass wir alle zur Begrüßung nach Friedland fahren konnten. Ich war zweieinhalb Jahre alt, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Eigene Erinnerungen mischen sich hier mit den vielen Erzählungen. Im Januar 1945 machte sich unsere Mutter mit ihren vier Kindern Richtung Augsburg auf den Weg, dort lebte der älteste Bruder unseres Vaters. Sie kamen aber nicht mehr durch, viele Brücken in der "Tschechei" waren gesprengt, so warteten wir dort das Ende des Krieges ab und "tippelten" im Mai 1945 weite Strecken zurück nach Königshütte. In unserer Wohnung lebten jetzt Polen, wir kamen bei den Großeltern unter und wohnten dort, bis uns ein Transport im Sommer 1946 nach Stadtoldendorf brachte.

 

Als wir nachts in Friedland ankamen, schliefen die Großeltern schon. In Erinnerung geblieben ist mir der gestreifte Schlafanzug unseres Opas, sein dicker Bauch, seine Aufregung, weil sie ja nun packen mussten. Jetzt hatte ich mit knapp vierzehn Jahren einen Opa und eine Oma. Besonders meinen Opa habe ich sehr geliebt, er sah nicht nur gut aus, er war liebenswürdig, ein friedlicher Mensch.

 

14. Tag Mittwoch, 5. August von Friedland nach Heiligenstadt 21 km

 

Es ist ein herrlicher Abend, sommerlich warm, ich sitze im Straßenrestaurant St. Martin in Heiligenstadt und lasse mich verwöhnen. Bevor das Essen kommt (Kartoffel-Medaillons mit Pfifferlingen, dazu ein Grauer Burgunder) schreibe ich.

 

Nach dem guten Frühstück bei Frau Klier zusammen mit zwei Leine-Weg-Radfahrern fand ich schnell meinen Weg, überquerte die Leine, die hier noch ein Bächlein ist und schickte eine SMS an Jürgen, der doch an der Leine wohnt. Es ging bergauf und bergab, herrliche Ausblicke den ganzen Tag. In Reiffenhausen verweilte ich in der kleinen Barock-Kirche und bedankte mich im Gästebuch für die gute Ausschilderung des Pilgerweges. Zwei Kilometer später war ich auf einer Höhe, am Rande eines Waldes und überschritt die frühere deutsch-deutsche Grenze. Ein Schaukasten zeigte die alten Sicherungsanlagen. Wie viele Menschen hatten unter dieser Grenze gelitten. Ich war sehr berührt. Brigitte bekam von hier eine SMS, ich musste mich mitteilen, außerdem schickte ich ihr gute Wünsche für ihren Urlaub mit Max. "Der Himmel meint es gut mit mir", so endete mein Text an sie. Gleichzeitig mit der früheren deutsch-deutschen Grenze überquerte ich jetzt die Grenze von Niedersachsen nach Thüringen, ich war im katholisch geprägten Eichsfeld. Der erste Ort in Thüringen, Rustenfelde. Das Wetter war auch heute sommerlich warm. Im Garten, dicht am Bürgersteig, saß ein Neunzigjähriger, las seine Zeitung. Als ich ihm einen guten Morgen wünschte, fing er an zu erzählen, erzählte von seinem langen und zufriedenen Leben. Mein Pilgerweg machte wenig Eindruck auf ihn.

 

Irgendwie ging mir nach Rustenfelde mein Pilgerweg verloren, es dauerte lange bis Burgwalde. Die Sonne knallte vom Himmel, keine Bank, eine Rast im Gras, wenig Schatten. Weiter über Steinheuteroda, dort bedauerte ich die eingepferchten Rinder - die Anlage sah aus wie eine alte LPG. Kurz vor Rengelroda kam ich auf einen Waldweg, endlich Schatten. Bevor ich den Wald verließ, machte ich eine lange Pause, ausgestreckt auf einer Bank, atmete tief und lange, verwöhnte meine Füße und schickte eine SMS an meine Freundin Monika, dass ich gern ein Taxi hätte. In Rengelroda gab es kein Taxi, aber einen Bus nach Heiligenstadt. Der Busfahrer entschuldigte sich, dass er nicht auf direktem Weg nach Heiligenstadt führe. Mir war das völlig egal, im Gegenteil, ich freute mich, fünfunddreißig Minuten sightseeing für € 1,30 und eine Wegbeschreibung zu meinem Quartier im Marcell-Callo-Haus. Das Zimmer ist sehr komfortabel, das katholische Haus ist Treffpunkt für verschiedene soziale Einrichtungen. Wer Marcell Callo war, wusste ich, ich habe es aber schon wieder vergessen.

 

Nach dem Essen fühle ich mich gut erholt und mache noch einen Rundgang durch das schöne Heiligenstadt. Die Kirchen sind um diese Zeit alle zu, ich schaue sie mir von außen an. Von J.G. habe ich erfahren, dass Heinrich Heine sich hier hat 1825 taufen lassen und dass der Jurist und Dichter Theodor Storm in seiner Heimatstadt Husum zum Aufstand gegen die dänischen Besatzer aufgerufen hatte und deshalb emigrieren musste. Er trat 1856 in Heiligenstadt eine Stelle als Kreisrichter an.

 

15. Tag Donnerstag, 6. August von Heiligenstadt nach Dingelstädt 21 km

 

Vor dem Frühstück schon ein Eintrag. Gestern Abend habe ich noch eine Einladung formuliert an Freunde und Freundinnen in Kettwig, die ich gleich kopieren und abschicken werde. Porta patet, cor magis- unter dieser Überschrift lud ich sie ein, am Sonntag um 18 Uhr zu mir zu kommen und bat sie, für das Essen zu sorgen.

 

Mein nächster Eintrag ist kurz vor 12 Uhr. Ich sitze im Erholungspark "Neun Brunnen", drei Kilometer bin ich erst gegangen. In Heiligenstadt habe ich die Briefe abgeschickt, eine Karte an Sabine geschrieben, in der Sparkasse Geld geholt und musste mich entscheiden, wie ich weitergehen wollte. Nachdem ich mich für den kürzeren Weg entschieden hatte, besuchte ich noch zwei Kirchen am Neustädter Markt und eine Kloster-Kirche. An dem Altar der "Mutter für die immerwährende Hilfe" habe ich eine Kerze angezündet.

 

Es war wieder sehr warm. Nach der Pause fand ich einen alten Bahntrassen-Weg, hab mich verlaufen, ging im Kreis, hätte doch durch die Kleingartenanlage gehen sollen. Erst am frühen Nachmittag war ich in Geisleden. Kein Waldgebiet, aber schöne Wege bergauf und bergab. Ohne weitere Rast ging ich bis zur Unstrut-Quelle, dort saßen zwei frohgelaunte Radfahrer aus Leipzig, die den Unstrut-Leine-Weg radelten und ein Ehepaar aus Wuppertal, das zwei Wochen Ferien in Dingelstädt machte. Das Quellwasser war erfrischend und sehr belebend. In dieser guten Laune erwischte mich Jürgen am Handy, von dem ich seit einer Woche nichts gehört hatte. Fast laufend kam ich in Dingelstädt an, suchte noch ein bisschen nach meinem Hotel "Steinernes Haus". Das Zimmer war ungepflegt, aber das Essen war gut. Geräucherte Matjes auf Reibekuchen und Salat. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung in einer Gruppe junger Männer. An ihrem Lachen erfreute ich mich noch, als ich oben ins Bett ging.

 

16. Tag Freitag, 7. August von Dingelstädt nach Mühlhausen 22 km

 

Mit einer Geburtstagskarte für meinen Neffen Jens in der Hand, startete ich, suchte und fand einen Briefkasten, war schnell in Silberhausen und Helmsdorf. Die Unstrut begleitete mich bis Mühlhausen. In Zella machte ich eine kurze Rast in der kleinen Kirche mit dem herrlichen Barock-Altar und habe eine Kerze angezündet. Zwischen Horsmar und Dachrieden ging ich an der Straße entlang, war sauer, konnte kein Wegzeichen finden. Erst in Dachrieden zeigten mir die Straßenarbeiter meinen Weg. Auf meinem Weg lag das Hotel 68 (Art und Gourmet), dort machte ich Mittagspause und hielt einen Schwatz mit den Inhabern. Vor Mühlhausen kühlte ich meine Füße in der Unstrut, machte nur eine kurze Pause, weil ich schnell nach Mühlhausen wollte, ich war müde, es war warm.

 

In Mühlhausen begrüßten mich Aldi und Obi, ich war zuversichtlich, aber dies war noch nicht Mühlhausen, dies war erst Ammern. Irgendwann verlor ich meinen Weg, kam an die Bundesstraße, die nach Mühlhausen führte, ein Fußweg ging parallel. Die vielen Kirchtürme kamen und kamen nicht näher. Eine Frau stieg in ihr Auto, ich bat sie, mich ein Stück mitzunehmen. 100 Meter vor der Herberge AntoniQ setzte sie mich ab. Eine gute Stimmung war hier, die Menschen alle freundlich und hilfsbereit, aber das Zimmer war schmutzig, dafür war der Ausblick auf das Frauentor schön. Ich war mitten in der Altstadt.

 

In einem Reisebüro holte ich mir die Fahrkarte für übermorgen von Volkenroda nach Kettwig. In Mühlhausen ist Bach-Festival, viele Besucher. Mit einer Radfahrer-Gruppe aus Norddeutschland, sie radeln auf Bachs Spuren, komme ich beim Essen ins Gespräch. Als sie hörten, dass ich aus Essen komme, sagten sie wenig Freundliches über diese Stadt. "Es sei denn, man lebt in Kettwig". Eine Nichte wohnt in Kettwig.

 

Abends lerne ich noch den Inhaber meiner Herberge kennen: Knut Ewers, er kommt aus dem Westen, kauft immer neue Gebäude dazu, renoviert, wenn er das Geld dafür hat. Eine Angestellte, Portugiesin, seit elf Jahren in Mühlhausen, zeigte mir die ganze Anlage. Zwei junge Männer, die mit mir in der Herberge übernachteten, ziehen mit Ölpumpen durch Thüringen, um den Menschen die Energie-Knappheit bewusst zu machen. Und wir tranken alle zusammen Unstrut-Wein.

 

Der Schmutz in der Herberge kommt in meine Träume.

 

17. Tag Samstag, 8. August von Mühlhausen nach Volkenroda 15 km

 

Mein letzter Tag!

 

Die Herberge verließ ich um halb acht, der Schmutz störte mich sehr. In einem Steh-Café bekam ich einen Becher Kaffee und zwei belegte Brötchen. Eine Weile ging es noch durch Mühlhausen, hinter dem Bahnhof fand ich den kleinen Tunnel und kam wieder an die Unstrut. Ein richtiger Weg war es eigentlich nicht, ich ging auf Gras, es war schwül-warm, ich war unlustig, froh über das Ende der Pilgertour und glücklich, dass bald alles vorbei sein würde. Auf Volkenroda freute ich mich, d.h. hier war nicht der Weg das Ziel. Am Beginn des Eselstiegs kam noch eine SMS von meiner Freundin Monika. Der Eselstieg führte durch Felder, der Schweiß lief mir den Rücken runter, das letzte Stück ist mir sehr schwer gefallen. Aber endlich war ich da. In der großen Anlage war alles ruhig. In dem Café am Christus-Pavillion spendete mir die nette Dame eine Bionade, als sie hörte, dass ich Grüße aus Locum brächte. Sie verwies mich auf den Klosterladen, dort würde ich auch offiziell begrüßt werden. Der Klosterladen hatte Mittagspause, den Rucksack stellte ich ab, wechselte die Schuhe und ging in die alte Klosterkirche.

 

"Das Kloster Volkenroda wurde 1131 von Zisterziensern des Klosters Kamp am Niederrhein gegründet. Es ist das Mutter-Kloster Loccums. ... Die nur noch in Teilen bestehende romanische Kirche ist das älteste erhaltene Bauwerk der Zisterzienser in Deutschland. .. Seit 2001 steht in Volkenroda der Christus-Pavillon. Dieser war die Kirche der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland auf der EXPO 2000 in Hannover. Er ist gewissermaßen ein Geschenk der Tochter Loccum ans Mutter-Kloster. (WF-PW, T. II, S. 98) Wenn ich also von der Kloster-Kirche spreche, dann spreche ich - ja wovon? Wenn ich es richtig gelesen habe, dann existieren nur noch Vierung und Chor. Aber es verschlug mir den Atem, als ich diesen Raum betrat. "Die absolute Schlichtheit, die klaren Linien der Architektur und die Überschaubarkeit des Innenraumes mit einem Blick lassen eine ausgewogene Harmonie empfinden. Die Reduktion auf das Wesentliche soll helfen, zur Ruhe und inneren Konzentration zu kommen. (Kloster Volkenroda, Schnell Kunstführer, S. 17)

 

Ich war ganz allein in diesem Raum. Dankbarkeit war in mir, diese Schönheit schauen zu dürfen, aber ich war auch dankbar, dass ich hier angekommen war, ich wurde ganz ruhig. Im Klosterladen bekam ich den Schlüssel für mein Zimmer. Als ich der jungen Frau erzählte, dass ich aus Loccum käme, lächelte sie freundlich. Die für die Gäste zuständige Mitarbeiterin würde mich später begrüßen. Ich wohne im alten Konventsgebäude, von dem nur noch wenige Mauerpartien und Mauerstücke aus verschiedenen Epochen erhalten sind. Das Gebäude erinnert in seiner schlichten Stahl-Glas-Bauweise an den Bauhaus -Stil. Entsprechend ist auch mein Zimmer gestaltet. Es ist die teuerste Übernachtung auf meiner Pilger-Tour. Wenn ich aus dem Fenster schaue, schaue ich auf einen viereckigen See. An dieser Stelle war früher der Kreuzgang. Da wo einst das Kirchenschiff war, stehen kleine Platanen.

 

An Brigitte schicke ich eine SMS "Bin da, aber noch nicht angekommen".

 

Und dann bin ich im Christus-Pavillon! Hier sind moderne Architektur und moderne Kunst in einer genialen Stahl-Glas-Konstruktion zusammen gekommen.

 

1996 ging eine Anfrage von Volkenroda an die Landeskirche Hannover um Unterstützung für den Wiederaufbau der Klosterkirche. "Diese Anfrage traf mitten in die Diskussionen des Jahres 1996, wie der Beitrag der christlichen Kirchen auf der Weltausstellung EXPO in Hannover aussehen könnte. Es hat sich daraus der ungewöhnliche Plan entwickelt, einen Kirchenbau für Volkenroda zuerst als christlichen Pavillon auf der EXPO 2000 zu errichten, um ihn anschließend nach Volkenroda zu transferieren und dort dauerhaft nachzunutzen." (Volkenroda - Christus-Pavillon, Schnell Kunstführer S. 4)

 

Am Abend, nach dem gemeinsamen Essen aller Gäste, gehe ich noch auf die Suche nach dem auf einer Wiese gelegenen Gegenstück zum Pilgermal "Anfang und Ende" in Loccum.

 

Da es am Wochenende keine Stundengebete gibt, ich aber den Christus-Pavillon als Gottesdienstraum erleben möchte, verschiebe ich meine Abreise am Sonntag um eine Stunde. Dieser Gottesdienst und das Schauen der Schönheit der gesamten Anlage, die einen Spannungsbogen zwischen alt und neu, Verfall und Aufbau, Vergangenheit und Zukunft hat, lassen mich glücklich Abschied nehmen. Es tut ein bisschen weh, dass da niemand ist, von dem ich mich verabschieden kann. Deshalb ist es um so wichtiger zu wissen, dass ich um 18 Uhr meine Freundinnen und Freude in meiner Wohnung in Kettwig begrüßen und umarmen werde.

 

Eine Stunde vor meinen Gästen bin ich zu Hause. Der Rucksack bleibt unausgepackt, den Tisch ziehe ich aus, decke ein, hole Getränke und weiß aus zwei Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter, dass meine Gäste sich ebenso freuen auf unser Wiedersehen wie ich. Sie kamen mit Schüsseln und Körben und vielen guten Dingen, die wir gemeinsam gegessen haben. Neun Menschen saßen um meinen Tisch und mussten es sich gefallen lassen, dass ich die meiste Zeit redete. Ich hatte gute ZuhörerInnen Eine winzige Geschichte möchte ich hier wiedergeben. Auf der Etappe von Dransfeld nach Friedland sah ich doch in Mariengarten den Bus mit dem Ziel "Friedland" Ein Freund von mir : "Da kam die böse Versuchung" - Nein, und im Text heißt es auch so "Das war ein freundlicher Hinweis von oben!"

 

Enden möchte ich noch einmal mit Jens Gundlach, der in seiner Einleitung sagt und mir damit aus dem Herzen spricht: "Am Anfang steht der Entschluss zum Aufbruch. Der Weg mit seinen Stationen und seinem Ziel weist über sich hinaus. In den Rhythmus der Schritte gesellt sich die Hoffnung auf Ankunft. Ein Pilgerweg kann zum Abbild des Lebens werden. In ihm spiegeln sich die Fragen nach dem Woher und Wohin sowie die fortwährende Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn."

 

Karin Spiegel

 

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