Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Spurensuche


14 Tage in Bad Wörishofen

 

11.09.2011

 

Seit ein paar Tagen lese ich in dem Buch „Mit dem Leben in Berührung kommen“ von Anselm Grün, das seit Jahren ungelesen in meinem Bücherschrank stand. Beim Aussortieren meiner Bücher fiel es mir wieder in die Hand. Im Inhaltsverzeichnis steht auf Seite fünf in großen Lettern wie eine Ankündigung: Die eigene Freude wiederfinden. Diese vier Wörter waren entscheidend für mein Urteil: Nicht aussortieren! Ich glaubte zwar nicht so recht, dass dieser Mönch mit seinem Buch mir einen Teil meiner verlorengegangenen Freude wiedergeben könnte, war aber dennoch gespannt darauf, wie er Verlorengegangenes wieder entdecken wollte. Für mich!

 

Ich lese zunächst entspannt, schüttele aber bald so manches Mal den Kopf über Gedankengut, das ich in meiner katholischen Karriere zunächst verinnerlichte, dann aber nach dem Sieg über die Angst als nicht mehr tragfähig ansah.

 

Auf Seite 99 angelangt, will ich sein Buch endgültig aussortieren. Er zitiert Chrysostomus: „Wer im Herrn ist, wer Gott fürchtet, der kann in der Freude bleiben, selbst wenn ihm Trauriges zustößt.“

 

Ich versuche dennoch brav diese Aussage nachzuvollziehen und frage mich zunächst, wer ist im Herrn? Was bedeutet es, im Herrn zu sein? Kann ich in Gott sein? Bin ich es, ohne es zu wissen? Ist es möglich, dass ein anderer Mensch wissen kann, ob ich im Herrn bin oder nicht? … wer Gott fürchtet …, fährt er fort. Fürchten kann man nur jemanden, den man kennt oder von dem man gehört hat, dass er es nicht gut mit einem meint. Herr Grün schreibt aber hier von seinem geglaubten Gott oder anders, von dem Bild, das er sich von ihm macht. Hat Gott ihn schon das Fürchten gelehrt? Ein Fürchten, das Ihn dann seltsamerweise in der Freude verweilen ließ? … selbst wenn ihm etwas Trauriges zustößt … ? Ich brauche hier gar nicht nach traurig-tragischen Beispielen zu suchen, die alles aufkommen lassen aber keine Freude - auch nicht im Herrn.

 

Ich stelle fest: Wer in Furcht (z. B. in Erwartung von Bestrafung) lebt, der kann in der Freude bleiben!! Meine Lebenserfahrung ist eine andere. Habe ich falsche Erfahrungen gemacht??

 

Um doch noch drastisch zu formulieren: Ich fürchte mich also schrecklich vor jemandem, der in der Lage ist, mich zu vernichten, aus welchen Gründen auch immer, und dann passiert auch noch, dass z.B. mein Kind stirbt. Jetzt habe ich alle Bedingungen erfüllt, um in der Freude bleiben zu können! Herr Grün, Sie strapazieren mich, indem sie das zitieren.

 

Zufällig? Heute fällt mir ein weiteres Wort des Herrn Johannes Chrisostomus aus dem Caritaskalender zu: „Niemand kann für seine eigene Seele (u. a. übersetzt mit Psyche) richtig sorgen, wenn er das Heil und die Liebe zum Nächsten vernachlässigt.“

 

Wann vernachlässige ich das „Heil“ des Nächsten? Bin ich für sein Heil-Sein verantwortlich, wenn er mich nicht um Rat fragt?

 

Aber da ist ja noch das Phänomen der real existierenden Liebe. Wenn ich die Liebe zum Nächsten vernachlässige, macht mich das nicht zufrieden. Dieser Umstand bringt mich auf die Idee, die Spur in Richtung Liebe weiter zu verfolgen.

 

Nur wenige Seiten weiter, nachdem ich von vielen Facetten der Freude erfahren habe, die ich auch schon anders erlebt und empfunden habe, lese ich einen bemerkenswerten Abschnitt unter der Überschrift: Das persönliche Magnifikat. Da deckt sich etwas mit den Erfahrungen in meinem Leben: Eine unendliche Dankbarkeit, in dem Elternhaus aufgewachsen zu sein. Beschützt und behütet mit der Gewährung der größtmöglichen Freiheit. Ins Leben geschickt mit allem, was zur Bewältigung von Problemen erforderlich ist und auch ausgestattet mit der Erkenntnis, aus Fehlern lernen zu können. Und das von Eltern aus dem Arbeitermilieu. Ich kann begeistert einstimmen in: „Meine Seele preist voll Freude den Herrn …“ (Den ich aber jetzt vorsichtshalber nicht duze, da es nach Chrysostomus sinnvoll zu sein scheint, dass man ihn fürchtet.) Und dann sehe ich vor mir Bilder aus der Tagesschau von fast verhungerten Kindern mit dreieckigen Köpfen und übergroßen Augen, die nicht mit einstimmen können, selbst wenn noch eine geringe Restkraft in ihnen wäre: „Denn der Mächtige hat an mir Großes getan; sein Name ist heilig.“ Mein Magnifikat erstirbt mir auf der Zunge … Ist der Herr so ungerecht, mich zu bevorzugen? Womit habe ich das verdient?

 

Die Kapitel „Selbstwert entwickeln – Ohnmacht meistern“ habe ich nur überflogen, weil diese Kapitel mir schon meine Eltern „geschrieben“ haben.

 

Ute, meine Frau, behauptet immer wieder, ich sei noch katholisch. Wie soll ich das Gegenteil behaupten können, solange ich noch Kirchensteuern bezahle. Ich schaue mir hin und wieder einen Gottesdienst im Fernsehen an. Zugebener Maßen kritisch. In einem katholischen Gottesdienst, der so ganz nach dem Muster der Veranstaltungen gehalten wurde, als sie noch in lateinischer Sprache gehalten wurden und die Priester vorwiegend ihre Rückseite präsentierten, war ich nur noch staunender Beobachter:

 

Ein missionarisch getriebener Zelebrant verkündete seiner ergebenen Zuhörerschaft: Man kann seine Taufe nicht Rückgängig machen! Ich sah, wie er das Lasso schwang, nachdem er mein Brandzeichen entdeckt hatte, um mich wieder seiner Herde zuzufügen. Aber er saß auf einem abgemagerten Gaul, und er selbst schien sich mehr am Lasso festzuhalten, als dass er es kraftvoll schwang. Ich erlebte ihn 45 Minuten ohne ein Lächeln auf seinem Gesicht. Selbst bei seinem beruflichen Finale: „Friede sei mit euch“, absolvierte er seinen Job perfekt nach allen Regeln und ohne erkennbare Freude. Und die ergebene Gemeinde antwortete ebenso emotionslos, monoton und perfekt, „Und mit deinem Geiste“: Erfüllender Glaube!

 

Er übersieht, dass ich dieses Brandzeichen nicht von ihm bekommen habe. Derjenige, von dem ich es bekam, kommt in seinem Denken gar nicht vor. Ich möchte meine Taufe gar nicht rückgängig machen, weil für meine Eltern nichts anderes in Frage kam. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit habe ich meine Kinder taufen lassen, die sich heute nicht mehr zum Christentum bekennen. Lange Zeit, bis hin zum Erwachsenenalter, war ich engagierter Katholik.

 

Ich werfe mir auch nicht vor, schon mal an den Klapperstorch geglaubt zu haben. Benedetto würde mich wegen dieser Ungeheuerlichkeit offiziell zur Hölle schicken. Ob ich ihm diese Zeilen schicken sollte? Nein, schon mein Bischof hat nicht persönlich mit mir kommuniziert, als ich mich einmal in an ihn wandte. Ich vergaß, dass er nur der OBERHIRTE war. Mein Fall wurde an den Unterhirten und dann an den Zwischenhirten delegiert, aber nicht behandelt, sondern geräuschlos geregelt.

 

Einer solchen Figur habe ich als Messdiener schon einmal auf Geheiß meines Pfarrers den Ring an seiner Hand zur Begrüßung geküsst! Er hat das zugelassen! Oh, Jesus! Ich lese erst einmal bei Herrn Grün weiter. Das Kapitel Das spirituelle Selbst spricht mich an.

 

Im ersten Absatz lese ich, was die transpersonale Psychologie über Disidentifikation aussagt. „Solange wir uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen und …. identifizieren, sind wir davon abhängig und werden blind für die eigentliche Wirklichkeit des wahren Selbst“. Mehr als ein halbes Menschenleben lang haben sich meine Gefühle (weniger meine Bedürfnisse) mit der Lehre der katholischen Kirche identifiziert. Selbst das Erleben, dass abweichende Interpretationen des „Willen Gottes“ durch Ohrfeigen des priesterlichen Lehrers wieder korrigiert wurden, verhinderte nicht seinen missionarischen Erfolg. Der Klerus vereitelte lange erfolgreich meine Disidentifikation. Zu lange funktionierte der „Trick mit der Schuld“.

 

„Unsere Heimat liegt innen. Und dort sind wir souverän. Solange wir diese uralte Wahrheit nicht neu entdecken, und zwar jeder für sich und auf seine Weise, sind wir dazu verdammt, umherzuirren und Trost dort zu suchen, wo es keinen gibt – in der Außenwelt.“ Diese Aussage erlebe ich beglückend!

 

Für mich zählt zu dieser Außenwelt (unter anderen Welten) auch die Kirche. Sie hat einen getauften, gefirmten, messdienernden, küsternden, caritativ engagierten Gläubigen verloren! Oder? Vielleicht, in ferner Zukunft, kann diese Kirche die in ihr ruhenden Schätze ja doch noch freilegen. Ein befreundeter Pater, inzwischen glücklicher Vater, riet mir innerhalb in der Kirche weiter zu kämpfen. Ich bin inzwischen müde und überlasse diesen Kampf der Jugend. Diese trifft sich zwar zum Weltjugendtag, einem gigantischen Event der Kirche, in den Kirchen treten sie weniger auf. Sie meidet offensichtlich nicht nur den Beichtstuhl. (Was ich gut nachvollziehen kann, denn vergeben kann ich mir nur selbst, aber priesterabhängig, hatte er auch Erlösendes!) Wer hebt den verborgenen, verschütteten Schatz? Ich nehme gern die Theologieprofessoren war, die den Spaten schon in die Hand genommen haben, obwohl sie ihren gut dotierten Job gefährden. Jahrelanges zunächst erfüllendes Engagement in „meiner“ Kirche hat die Kluft zwischen den satten realitätsfernen Amtsträgern und mir immer größer werden lassen. Machtstreben, Geld und Überheblichkeit waren das Thema und nicht die Liebe. Inzwischen bin ich selbst für meine Seelsorge zuständig. Die wissenschaftlichen Disziplinen arbeiten immer noch auf ein Ziel hin. Die Religionen haben das Ziel schon erreicht, die Dogmen sind zementiert, die Entwicklung ist eingefroren. Geschiedene und Wiederverheiratete werden „vom Tisch des Herrn“ ausgeschlossen, Frauen sind nicht ganz so viel Wert wie Männer und trotzdem ist meine Schwester immer noch erzkatholisch und betet ohne Unterlass und Erfolg (wie sie ihn sich vorstellt) täglich um mein Seelenheil. Ich würde ihr gerne meine Gedanken vermitteln, aber ich weiß um die Angst, die ich auszuhalten musste, als ich begann, Verantwortung für mich und mein Denken zu übernehmen und der Vernunft und meinem Verstand zu folgen. Meine Gedanken würden ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Darüber freue ich mich nicht, denn ich liebe meine Schwester.

 

Gott sei Dank ist sie doch schon weiter als ihre Kirche: Sie schließt mich von ihrem Tisch nicht aus, obwohl ich als Geschiedener wieder geheiratet habe. Ein wohltuendes Stück Caritas aus der Zeit eines hochgeschätzten jüdischen Wanderpredigers.

 

Mein Gottesbild wird wahrscheinlich nie schlüssig werden, aber ich habe da so eine Ahnung. Unabhängig davon fühle ich mich geborgen in dem „Alles umfassenden Sein“, ein Begriff, den ich gern identisch hätte mit dem lieben Gott meiner Kindertage, den ich vertrauensvoll duzen durfte. Wenn das so einfach wäre!

 

Das „Alles umfassende Sein“. Der homo sapiens hat es Schöpfung genannt. Und wenn h. s. auch noch so viel Verstand mitbekommen hat, eine Schöpfung aus sich selbst heraus konnte und kann er sich auch heute nicht vorstellen. Selbst die pfiffige Idee, dass es außerhalb der Schöpfung eine schöpferische Kraft geben könnte, die alles erschaffen haben könnte, löst sein Problem nicht.

 

Denn: Ist es vorstellbar, das ein Schöpfer in seine Schöpfung nicht eingreift, wenn seine Geschöpfe zum Beispiel Atombomben basteln zur Menschenvernichtung mit dem Potential, einen Teil der Schöpfung auszulöschen. Ist es nachvollziehbar, dass dieser (liebende) Schöpfer durch fürchterlichste Naturkatastrophen das Leben auf diesem Planeten schon fast vollständig ausgelöscht hatte?

 

Anselm Grün spricht von der Realität der destruktiven Mächte in dieser Welt, ohne sie zuzuordnen. Ist der „Schöpfer“ gleichzeitig ein konstruktiver und destruktiver? Diese meine Frage und die Erkenntnis der Grenzen meiner Denkfähigkeit sind nicht dazu angetan, meine Freude wieder zu finden.

 

Heute kann ich die leidenden, verhungernden Kinder in Afrika nicht dem „Schöpfer“ anlasten. Wir Menschen sind die Protagonisten auf der Bühne unseres Planeten. Wir sind mit der Fähigkeit zur Liebe ausgestattet. Wir können zwar das Sterben der Menschen bei Naturkatastrophen nicht verhindern, aber unsere Möglichkeiten zu Helfen sind unermesslich groß. Die finanziellen Mittel, die wir einsetzen, um schrecklichste Waffen zu produzieren und unsinnige Kriege zu führen, die immer mehr Leid erzeugen, reichten aus ,um den Hunger in der Welt zu beseitigen. Ganz zu schweigen von dem vorhandenen überflüssigen Luxus in der Welt, der ausreichte, auch allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

 

Nun sitze ich hier in meinem Zimmer des Sebastianeums in Bad Wörishofen und lasse mich beleben und erfreuen durch die Gaben der Natur, die Pfarrer Sebastian Kneipp auf eine spezielle Art und Weise den Menschen erschlossen hat.

 

Wieder werde ich konfrontiert mit Natur und Religion. „Vergesst mir die Seele nicht …“ hat er vor mehr als 100 Jahren gepredigt. Vor mir liegt eine Broschüre der katholischen Kurseelsorge Bad Wörishofen. Auf dem Titelblatt sehe ich eine Kopie eines ausdruckstarken Gemäldes von ihm. Es zeigt aus der Froschperspekive einen übergewichtigen Priester überhöht auf einem Treppensockel. Die rechte Hand ist hoch erhoben, drei Finger weisen zum Himmel, die linke hält die Bibel. Sein Haupt ragt in fast überirdisches Licht und zu seinen Füßen sieht man unterdimensionierte Menschlein mit demütigen Mienen und einen ängstlich nach oben schauenden ergriffenen Mann. Offensichtlich sind alle tiefbetrübt und schuldbeladen. Dieses Bild wird mir in diesem katholisch geführten Haus angeboten im einundzwanzigsten Jahrhundert!

 

Diese Menschlein da unten, ausgestattet mit allem, was die Natur zu bieten hatte, deren Gehirnstruktur sich nicht vom dem überernährten Menschen dort oben unterscheidet, hörten nach meiner Erfahrung auch dann andächtig zu, wenn auch er Johannes Chrysostomus zitieren sollte: „Wer im Herrn ist, wer Gott fürchtet, der kann in der Freude bleiben, auch wenn ihm Trauriges zustößt“. Niemand stellte ihm die Fragen, die ich oben gestellt habe. NIEMAND STELLT IHN! Selbst der Maler zeichnet ihn übergroß, übersehend dass Gotteskinder alle die gleiche Größe haben. Auch hier finde ich nichts, was mich erfreuen könnte. Sie können Gott nur siezen!!

 

„Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen beide in die Grube.“ Habe ich irgendwo gelesen. Ich sage, wenn ein Blinder vorgibt sehen zu können, fallen auch beide in die Grube. Bei dem Bild bleibe ich gern unter der Hypothese, dass es die „Sehenden“ nicht gibt. Sebastian Kneipp wird als Sehender dargestellt. Nun gut, der war ich auch einmal, ich gebe ihm, wie mir auch, mildernde Umstände, denn er kümmerte sich darum, das Leid in seiner Welt zu mildern. Drastisch, aber offensichtlich die Liebe im Auge und im Herzen.

 

Meine (körperlichen) Wehwehchen werden hier in einem katholisch geführten Haus aus gemildert. Auf Schritt und Tritt werde ich mit dem Kreuz konfrontiert. Im Haus durch kranke und behinderte Menschen und in allen künstlerischen Variationen, in der Natur an fast jeder Weggabelung. „Überall in der Natur siehst Du des großen Gottes Spur, willst Du es noch größer sehen, bleib an einem Kreuze stehn“, beim Mittagessen in Form des Kreuzzeichens des Pfarrers vor dem Mittagsgebet. Dazu immer wieder in meinem Caritaskalender. Heute, am 14. September liefert er mir einen Spruch eines gläubigen Menschen. (M. Basilea Schlink):

 

Eile täglich zum Kreuz mit deinen Sünden und Lasten. Hier werden sie dir weggenommen.

 

Herr Grün schreibt auf Seite 210: „Da hat Jesus selbst die noch geliebt, die ihn ans Kreuz schlugen“ Wenn die Worte, mein Gott, warum hast Du mich verlassen authentisch sind, klingt das nach tiefster Verzweiflung und Ohnmacht. Meine Schwester muss dem Theologen glauben. Ich nicht.

 

Das Leid in dieser Welt ist eine Realität. Eine grausame Realität. Leid und Kreuz bilden im christlichen Gedankengut eine Einheit. Meine Schwester schickte mir vor einigen Jahren einige Verse von C. Jung, die sie in einer katholischen Kirche gefunden hatte: „Schneid vom Kreuz nichts ab.“ Darin konnte ein müder alter Pilger, der sein Kreuz nicht mehr tragen konnte und es kürzte, sein Ziel nicht erreichen, weil das gekürzte Kreuz als letzte Brücke über den Fluss jetzt zu kurz war. Armer Pilger, er hat nicht ausreichend gelitten! Was ist das für eine Verkündigung zum Thema Liebe, die neben der Macht des Destruktiven eine weitere Realität in der Schöpfung ist? Meinen vielseitigen Kommentar über vermeidbares und unvermeidbares Leid und meine differenzierte Meinung dazu, dass vermeidbares Leid zu verhindern sei, hat uns entzweit. Ich habe einen Vers auseinandergenommen, den sie doch in ihrer Kirche, die auch mal meine war, gefunden.

 

Die Disziplinierungsidee mit der Hölle funktioniert immer noch.

 

Am 15. September liefert mir mein Caritaskalender den Tag der KREUZERHÖHUNG. Großgeschrieben!

 

Sein unvermeidbares Kreuz in Würde zu tragen ist eine große Herausforderung und das Gelingen eine bewunderungswürdige Leistung! Warum aber unsere Priester uns in eingesprungenen theologischen Sitzpirouetten nahebringen wollen, das Kreuz sei ein Symbol der Liebe (Im Kreuz ist Heil) kann ich nicht nachvollziehen. Wie sollen denn angesichts eines am Marterpfahl gestorbenen Menschen Gedanken zur Liebe assoziiert werden. Das gelingt offensichtlich nur Theologen.

 

Ich würde es ersetzten durch das Bild zweier sich in Liebe umarmenden Menschen oder einer stillenden Mutter.

 

Und doch erkenne ich eine Spur der Liebe im Leid und somit im Kreuz. Als junger Mensch dachte ich nicht an die Vergänglichkeit. Meine faltige Haut, meine altersbedingten Schmerzen aber erinnern mich noch in einer sanften Weise daran, dass das Leben auf diesem Planeten begrenzt ist. Ich lerne ein Kreuz zu tragen, das in meiner Jugend untragbar gewesen wäre und kann mich nach einem erfüllten Leben und mit dieser Vorbereitung auf den Abschied vorbereiten. Aber abermals: Wie ist die Situation bei den verhungernden Kindern in Mogadischu? In dem Kreuz kann ich keine Liebe erkennen!

 

Auf der Hinfahrt zu unserem Kurort, sahen wir an einer Schauwand offensichtlich eine von einem Kind geschriebene Frage: „Warum hat Gott seinen Sohn zu uns geschickt und ist nicht selbst gekommen?“ Stellvertreter Christi, ausgestattet mit einem Studium der Theologie und rundherum geweiht, könnten diese Frage beantworten. Das Gotteskind in der Kirche wird, wenn es gut erzogen ist, solange zuhören, bis es eingeschlafen ist, verstanden haben wird es nichts.

 

Allerdings führt diese Kinderfrage zu einer Spur und zum Nachdenken: Leidet Gott in und mit den afrikanischen Kindern? Der vielleicht nicht so allmächtige Gott? Mein angefangenes Gemälde meines Gottesbildes wird etwas deutlicher!

 

Auf der Seite 200 des Buches von Anselm Grün, finde ich eine wohltuende Übereinstimmung mit seinen Gedanken (abgesehen von den letzten zwei Sätzen) und eine möglicherweise von ihm gar nicht beabsichtigte Spur: „Wenn Gott einseitig als der allmächtige Herrscher gesehen wird, bleibt dem Menschen oft nichts anderes übrig, als sich selbst klein und ohnmächtig zu fühlen. Dem strengen und strafenden Gott gegenüber, der alles sieht, habe ich keine Chance.“ Er empfiehlt Gott also nicht einseitig zu sehen. Spurensuche: Zweiseitig? Vielseitig? Das Gegenteil eines allmächtigen Herrschers ist ein ohnmächtiger Untertan. Das eine schließt das andere aus. Diese Spur bringt mich nicht weiter.

 

18.09.11

 

Das Kapitel auf Seite 241 „Das erneuerte Ritual“ hat mich stark angesprochen. Ich habe mich seit der Trennung von der Kirche auch von ihren Riten getrennt. Die aufkeimende Sehnsucht nach dem Gefühl der Geborgenheit und der Verbundenheit mit den Mitfeiernden wird immer deutlicher.

 

Heute lese ich Bei Anselm Grün: „Der Ritus verbindet den Menschen mit seiner Geschichte.“ Der Saulus in mir wird nachdenklich und versucht dieser Spur zu folgen. Ich suche die Stille der Hauskapelle auf und lasse mich auf alle visuellen Reize dieses barocken Kirchenraumes ein. Das „ewige Licht“ leuchtet. Ich erinnere mich an den letzten Kirchenraumbesuch im vergangenen Jahr in Bad Kissingen und meine niedergeschriebenen Gedanken zu „Introibo ad altare Dei…“ aus meiner Messdienerzeit. Ich versuche das Symbol der zahlreichen Kreuze in diesem Raum einfach stehen zu lassen. Noch ist alles wohltuend, oder wieder wohltuend. Meine Gedanken schweifen ab von den Fragen, die ich habe. Ich gehe in die Seitenkapellen, zuerst zu einer lebensgroßen Herz-Jesu-Statue, bei der ich nicht meditieren möchte. Etwas in mir ist angstbesetzt. Ist die Macht der katholischen Konditionierung immer noch so wirksam? In der Nische des seliggesprochenen Eustachius Kugler, einem ehemaligen Ordensmann der Barmherzigen Brüder finde ich eine Broschüre über sein Leben, die ich interessiert lese. Mir stockt der Atem als ich lese: „Schon zu Beginn seines Ordenslebens wurde er wegen seiner Gehbehinderung auf Grund eines Arbeitsunfalls nur mit Mühe als Bruder zugelassen.“ Nun war ich wieder gern der Saulus, der erfährt, wie groß die Versuchung im katholischen Denken ist, „Regeln“ höher zu bewerten als den Menschen. Ich freue mich, dass im Falle dieses authentischen Ordensmannes die Liebe gesiegt hat.

 

21.09.11

 

Welchen Spuren kann ich noch nachgehen?

 

Ich weiß um das Theodizeeproblem. Der gute Schöpfergott ist dadurch schlüssig in Frage gestellt. Die Naturwissenschaft kann den Gottesbeweis nicht erbringen. Es ist Realität: Die Natur meint uns nicht. Wir sind winzigste Partikel im Universum. Auch die Erde wird es irgendwann nicht mehr geben, eben so wenig wie die Sonne. Worin liegt der Sinn unseres Lebens. Worin lag der Sinn derjenigen, die vor uns lebten? Die Jenseitsvertröstungen der Theologen klingen verlockend für diejenigen, die (es) glauben können. Ich möchte so gern glauben.

 

23.09.11

 

Durch mein geöffnetes Fenster dringen bekannte Melodien, gespielt vom Kurorchester. Ich schwinge mit. Ich verlagere meine Spurensuche in diesen Wohlfühlbereich. In unserer Kreatürlichkeit sind Dinge angelegt, die in keine wissenschaftliche Kategorie passen. Musik, Malerei, Architektur, abstraktes Denken, Philosophie, soziales Verhalten. (selbst bei den Tieren) mit der Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen und zu lieben.

 

Und: Die Realität, Sehnsucht nach Gott zu haben. Das alles hervorgebracht innerhalb der unbarmherzigen, grausamen aber sicher nicht zufällig auch schönen Natur.

 

Eine erregend spannende Spur! Enthielt der Urknall, die Idee, die Information der Liebe? Gott? Nicht als Schöpfer, aber in der Schöpfung gegenwärtig. Im alles umfassende Sein? Ich möchte dieser Spur weiter folgen! Wie kann ich meine Denkfertigkeit erweitern, überwinden und dadurch doch noch zu meinem verlorengegangenen „lieben Gott“ kommen? Zu einem Du?

 

Aber einen Schritt bin ich schon weiter. Ich weiß, Benedetto kann mir hier nicht weiter helfen.

 

Vielleicht doch Anselm Grün,der im Gegensatz zu Benedetto und meinem Fernsehpfarrer gewinnend lächeln und sich freuen kann?

 

Herbert Gerold

 

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