Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Introibo ad altare Dei, ...

Credo-Projekt
Von der mir in meiner Kindheit auferlegten Pflicht zum Besuch der Sonntagsmesse habe ich mich schon vor vielen Jahren selbst befreit. Kirchliche Autoritäten, die vorgaben, legitimierte Mittler zwischen Gott und mir zu sein, und behaupteten, um seinen Willen zu wissen, wurden immer unglaubwürdiger für mich.

 

Das war einmal ganz anders. Schon meine Vorfahren waren gläubige Katholiken und so wuchs ich selbstverständlich in eine große Gemeinde hinein, wurde ebenso selbstverständlich Messdiener, Obermessdiener und später Aushilfsküster mit einer Vergütung von drei DM pro Messe. Trotz der zwei Messen pro Sonntag in dieser Zeit bin ich dem lieben Gott meiner Kirche inzwischen viele Gottesdienstbesuche schuldig geblieben, bleibe aber gelassen.

 

Trotzdem besichtige ich, wann immer ich in eine fremde Stadt komme, dort eine Kirche. Heute, am 25. April 2010, ist es die Pfarrkirche Herz-Jesu in Bad Kissingen am Fuße der Rhön. Ich öffne die schwere Eichentür und werde empfangen von machtvollen Orgelklängen. Die Kirche ist leer und die Akkorde ergießen sich in kraftvollen harmonischen Kaskaden in den erhabenen Kirchenraum, die virtuos gespielten hohen Obertöne quirlen wild durch den Raum. Diese Kirche präsentiert sich mir als eine Einheit von klarer neugotischer Architektur und kunstvollem Orgelspiel; sie war wohl schon auf mich vorbereitet. Welch ein Empfang!

 

Ich verharre eine kurze Weile fasziniert unter der Orgelbühne und schreite dann, getragen von der feierlichen Atmosphäre, durch den Mittelgang zum Altar. Plötzlich bin ich wieder Ministrant, will auf der ersten Stufe niederknien und beten: „Introibo ad Altare Dei, ad Deum qui laetificat juventutem meam.“ (Zum Altare Gottes will ich treten. Zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf.) Und höre förmlich den nicht anwesenden Priester sagen: „Judica me, Deus, et discerne causam meam de gente non sancta: ab homine iniquo et doloso erue me.“ (Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk; von frevelhaften falschen Menschen rette mich.)

 

Ich hätte schon knien müssen, aber ich knie nicht. Denn mein Verstand vermiest mir diese angenehme feierliche Kindheitserinnerung. Er interveniert dominant: Du hörtest gerade, wie der Priester Gott bat, ihn vor frevelhaften falschen Menschen zu retten. Es waren aber doch gerade derlei arrogante Aussagen, die dich langsam, aber sicher von dieser Kirche entfernt haben. Heute gehörst du nach Ansicht der Kirche genau zu diesem frevelhaften Volk, weil du zum Beispiel als Geschiedener wieder geheiratet hast.

 

Doch schon schwelge ich wieder in längst vergessenen religiösen Gefühlen: Ich bin wieder in der Zeit, als ich glücklich war, der alleinseligmachenden Kirche anzugehören, und die anderen so rettungslos verlorenen falschen Erdenwürmer mir nicht einmal leid taten.

 

Der Organist tut sein Bestes, damit ich mich auf etwas einlasse, was ich eigentlich nicht will. Ich sehe, dass das „ewige Licht“ links vom Hauptaltar leuchtet, seit jeher ein Signal für Katholiken, das Knie zu beugen vor dem „Allerheiligsten“, dem im Tabernakel gegenwärtigen Leib Christi.

 

Du warst glücklich hier, geh ganz nach vorn und beuge dein Knie, sagt das Gefühl. Doch der Verstand rebelliert: Wer hat dir das, was du jetzt tun willst, vermittelt? Und bedenke, ich habe dir zu einer beglückenden Freiheit verholfen und du hast meine Hilfe gebraucht, um die Angst zu besiegen und dich selbst zu finden. Kannst du das vor dir verantworten? Wie auch immer, es ist Deine Entscheidung.

 

Ich knie nieder. Oder wurde ich niedergekniet?

 

Aber meine Gedanken sind klar. Nicht die Angst, eine einst mächtige Waffe in der Kirche meiner Kindheit und Jugend, hat meine Entscheidung beeinflusst, sondern etwas anderes. Ich nehme weder den Raum noch die Musik wahr, während meine Gedanken die über 200 Jahre alten dicken Kirchenmauern dieser schönen Pfarrkirche durchdringen. Ich bin nicht gefangen in diesen Mauern mit den zahlreichen Widersinnigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Ich bin weit weg vom antiquierten Stufengebet. Mein Gottesbild braucht keinen Altar und keine beamteten Priester.

 

Meine Gedanken suchen im demütigen Niederknien das für den Verstand nicht Erfassbare: Den Urgrund des Seins, der unmittelbar etwas mit mir zu tun hat - weil ich lebe. Das ist nicht etwas, das sich durch Offenbarung erschließt, sondern durch die Erfahrung des Geborgenseins trotz aller kreatürlichen Bedrohung. Mein Verstand lässt ein Gegenüber zu - in mir und in allem, was mich umgibt. Mit der Erfahrung einer dem Leben sinngebenden Liebe.

 

Ich knie nicht vor dem, was sich die Sehnsucht des Menschen in komplizierten theologischen Konstruktionen ausgedacht hat, um das Unbegreifbare begreifbar zu machen, sondern ich knie als Geschöpf vor dem, was meine Sinne nicht wahrnehmen können. Und so erfahre ich in meiner alten, überalterten, nicht heiligen katholischen Kirche durch dieses Erlebnis etwas Wichtiges über mich:

 

Auch ich brauche Symbole! Doch längst nicht mehr alle aus meiner katholischen Vergangenheit.

 

Seitdem gehe ich gnädiger um mit jenen, die ihr Knie beugen, ohne diese Mauern durchbrechen zu können. Ich bedenke, wie lange Kirche es geschafft hat, mich treu an ihrer Seite zu halten mit dem Versprechen, sie könne mich unter bestimmten Bedingungen erlösen, wovon auch immer. Ich danke meiner Vernunft, die seit über sieben Jahrzehnten meinen begrenzten Verstand kontrolliert, dass sie Vernünftigeres zulässt. Und ich danke dieser Paarung, dass sie das Niederknien nicht unterbunden hat.

 

Herbert Gerold

 

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