Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Vom eigenen Fach im Kühlschrank oder wie ich lernte, nur an mich selbst zu glauben

Credo-Projekt
Woran ich glaube?
Nur an mich selbst.
Und dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.

 

Ich bin im Osten geboren, Rostock.
Dementsprechend war der Glaube nicht weit verbreitet. Es gab zwar ein paar Kirchen. Die habe ich aber nur von außen gesehen.

 

Mein Vater war Genosse. Ich wurde Pionier und FDJler und in der achten Klasse jugendgeweiht.

 

Vater war sehr streng. Er hat mich gelehrt, dass man für alles, was man im Leben will, hart arbeiten muss. Das hieß für mich in meinen ersten Sommerferien – ich war sechs - Rasen mähen und Gartenzäune streichen. Geld habe ich dafür nicht erhalten. Das hat mein Vater kassiert. So ging das die ganze Zeit. Um Geld zu verdienen, habe ich auch noch Altsstoffe gesammelt, Flaschen und so weiter.

 

Als ich zwölf wurde hat mein Vater gesagt: So, jetzt bist du erwachsen. Und ich habe ein eigenes Fach im Kühlschrank bekommen. Das heißt: Das Fach musste ich selber füllen und mir Lebensmittel besorgen. Ich habe in der Nachbarschaft gearbeitet und war „geschäftlich tätig“ –in Anführungsstrichen -. Das heißt: Ich habe Fahrräder geklaut und an andere verkauft. So bin ich groß geworden.

 

Mit vierzehn wurde ich jugendgeweiht und mein Vater hat sich nicht mehr um mich gekümmert. Ich hatte Schlüssel, Uhr, alles. Und ich war zusammen mit Leuten, die 18, 19, 20 waren.

 

Eigentlich sollte ich ein Mädel werden mit langen Zöpfen und sollte Birgitte heißen. Als die Hebamme mich durch die Scheibe zeigte, war esgegessen, das Thema. Ich bekam weder Taschengeld, noch Weihnachtsgeschenke, keine Geburtstagsgeschenke, gar nichts.

 

Meine Mutter war liebevoll, mein Vater aber ein Despot. Er hat sie permanent unterdrückt. Schläge waren an der Tagesordnung für Kleinigkeiten. Den letzten „Arschvoll“ bekam ich mit vierzehn, weil ich ihm ein Ei aus seinem Kühlfach genommen habe. Danach hat er sich nie mehr getraut, mich zu verhauen.

 

Ich habe meinen Vater gehasst und ihm den Tod gewünscht, aber in der heutigen Situation verstehe ich ihn. Er war Kriegskind, musste Holz sammeln, Kartoffeln klauen und ohne Hilfe seines Vaters groß werden. Er musste früh selbständig werden so wie ich dann auch.

 

So ist es gekommen, dass ich mich nur noch auf mich selbst verlasse, nur noch an mich selber glaube.

Nein, es gab zwei Ausnahmen. Einmal im Flugzeug auf dem Weg nach Kuba und einmal nach Krasnojarsk in Russland. In der Illjuschin waren Ziegen und Hühner und keine Gurte. Der Propeller setzte aus und wir stürzten fast ab. Ja, da habe ich gebetet. Gott, hilf mir. Nur zweimal im Leben.

Die erste Kirche habe ich im Gefängnis in Bochum besucht. Der katholische Gottesdienst war sehr schön. Jetzt gehe ich aber immer zum evangelischen, weil die lockerer drauf sind und immer so schöne Chöre kommen.

 

Mein Vater hatte zwei Sprüche im Leben:
Du musst immer ein schlauer Fuchs sein.
Und: Ein Fuchs schläft nicht, er schlummert nur.

 

Ich denke:
Jeden Tag geht die Sonne auf.
Jeder Tag bringt neue Überraschungen.
Jeder ist seines Glückes Schmied.

 

von Jörg Z., Gefängnis Bochum

 

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