Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Muttergottesgebet......
unzählige Male

Credo-Projekt
Ein streng gehütetes Geheimnis im engsten Familienkreis gebe ich jetzt preis, weil mich der zunehmende Verlust von christlichen Werten mehr als nachdenklich macht.
„Gegrüßet seist du, Maria …“ in einer langen Gebetskette war mir offensichtlich ein besonderes Geschenk Gottes, seit ich denken und mich erinnern kann. 1933 wohnten wir in einer Kaserne, die mangels Militär zivil genutzt wurde, als im Januar Lastautos mit Männern auf dem Kasernenhof ankamen und mich schon mit 4 ½ Jahren sehr nachdenklich machten, weil diese Männer verbundene Köpfe und Arme hatten. Es waren „Andersdenkende“, die sofort nach der Machtübernahme von Hitler verhaftet und stark verprügelt worden waren. Damals wusste ich das natürlich nicht. Aufgeregt rannte ich zu meiner Mutter und fragte nach, ob es einen großen Unfall gegeben hätte. Meine Mutter schaute mich lange, sehr lange an, legte ihre warmen Hände um meinen Kopf und sagte nur so ungefähr „Beten wir, damit sie bald gesund werden“ und begann das Gegrüßet seist du, Maria. Dieses Gebet wurde und ist es immer noch mir zum Inhalt meines Glaubens an die Kraft des Gebetes.
In meinem erlebnisreichen Dasein betete und bete ich stets lange, sehr lange, wenn es um Entscheidungshilfe in Bedrängnis, bei Not ging und geht. Es mag für Außenstehende wunderlich erscheinen, aber mir half es stets.
Meine Kameraden und Kollegen erstaunten, verwunderten, beängstigten mich mangels Willenskraft. Schon in jungen Jahren erkannte ich wie diese überwiegend mit Lebensvorgängen hilflos oder entnervt und oft ungeziemlich umgingen. Nur ein Beispiel aus meinem „Kriegstagebuch April 1945“:
Mitte April befand ich mich auf dem Fliegerhorst Neumünster, der besonders heftig am 13. Bombardiert worden war und aufgegeben werden musste. Wie, die Überlebenden, wurden auf LKWs ohne Zielbekanntgabe verladen. In Hamburg Güterbahnhof stiegen wir in einen Personenzug und wieder ohne Angabe eines Zieles ging es gen Osten. Nach Tieffliegerangriffen, die Tote und Verletzte aber ohne nennenswerte Waggon- und Lokomotivschäden verursachten, erreichten wir Berlin, die Kameraden, auch die Fronterfahrenen (an den vielen Auszeichnungen zu erkennen), verbreiteten ganz rasch eine „Weltuntergangsstimmung“. Dort wurden wir in eine Luftwaffen-Felddivision eingegliedert, mit Durchhalteparolen und Schnapsrationen auf unseren „Endsiegkampf“ an der Oderfront (Seelower Höhen) bedacht. Ich verschenkte meinen Schnaps … und versank wieder einmal gedanklich in eine andere, heile Welt von Gottes Reich und betete … als 16jähriger!
Als unsere Kompanie Gewehre und Munition erhalten sollte, war nichts mehr da. Inzwischen waren die Frontgeräusche durch heftiges Trommelfeuer unmittelbar zu hören, und es wurde irgendwie bekannt, dass Berlin vor der Einkesselung durch die Sowjets stünde. Warmes Essen gab es schon seit Tagen nicht, auch keine Kaltverpflegung, wir hungerten und mussten uns marschbereit halten. Die Stimmung war chaotisch. Nachts am 24. April erhielten wir französische Gewehre mit fünf Schuss Munition, ein halbes Brot und den Befehl, unsere Schuhe mit ebenfalls gegebenen Fußlappen zu verkleiden, denn wir sollten den noch nicht ganz geschlossenen Einkesselungsring an einer schmalen Stelle im Norden Berlins bei Oranienburg mit Marschziel Neustrelitz durchqueren. Für mich war es wieder einmal eine Gebetsanhörung!
Nach einem Gewaltmarsch, vorbei an Flüchtlingskolonnen und den KZ-Häftlingen aus Oranienburg, erreichten wir Neustrelitz und wurden zwangsweise in Wohnhäusern am Westrand eingewiesen. Wir hungerten. Da wurde bekannt, dass an einem kleinen Müritzsee westwärts ungefähr drei Kilometer entfernt ein Verpflegungsdepot der Wehrmacht voll gefüllt, auch mit Gewehrmunition, bestehen soll. Ein Kommando von fünf Soldaten wurde gebildet, ich gehörte dazu.
Am Depot angekommen, bedrohte uns ein dicker Zahlmeister mit einer Maschinenpistole. Ein Kamerad hatte eine Pistole, schlich von hinten an ihn heran und hielt die Pistole an dessen Hinterkopf. Angstschlotternd ließ dieser die Maschinenpistole fallen, einer von uns hob sie auf und wir stürmten ins Depot. Auch erwarteten wir andere Bewacher, aber nichts dergleichen. Was wir sahen, verschlug uns die Sprache. Hier war vieles vorhanden, was wir seit Jahren nicht mehr kannten. Wir füllten unsere Brotbeutel und Rucksäcke mit Proviant für die in Neustrelitz verbliebenen Kameraden.
Brauchbare Gewehrmunition fanden wir nicht, aber neue Maschinenpistolen mit reichlicher Munition. Auf dem Rückweg kam uns eine kleine Wagenkolonne entgegen, die wir misstrauisch mit unseren Maschinenpistolen „begrüßten“, als wir hinter einem Tankwagen einen PKW mit Generalsstander entdeckten. Ältere Kameraden hatten Erfahrungen mit dem General-Heldenklau und wollten alles zusammenschießen. Da stieg ein Marineoffizier aus und fragte uns nach dem Weg Waren-Müritz. Er bemerkte unser Erstaunen, stellte sich als Begleitoffizier der Sonderkolonne von Großadmiral Dönitz auf dem Weg nach Norddeutschland vor und unterstellte uns seiner Befehlsgewalt. In Lübeck wurde uns mitgeteilt, dass der Großadmiral, den wir nie zu Gesicht bekommen hatten, zum Reichspräsidenten ernannt worden sei, wir hiermit unter Geheimnisträgerverpflichtung aus der Wehrmacht entlassen sind.
Welch ein Wunder? Oder wird Gebetsanhörung?
Da ich ausnahmsweise meinen Wehrpass noch hatte mit einem Entlassungsvermerk aus dem Reichsarbeiterdienst Abteilung 4/73 Hamburg, fühlte ich mich als „richtiger Zivilist“. In Lübeck kaufte ich mir eine Fahrkarte nach Sulsdorf auf Fehmarn, wo meine Mutter mit meinen Brüdern, 14 und 6 Jahre alt, nach der Flucht aus Marienburg/Westpreußen auf einem Bauernhof untergekommen war.
Als ich am 30. April 1945 nachmittags dort zuerst auf meine Mutter traf, war diese völlig überrascht, brach in Tränen aus, umarmte mich und sagte: „Danke, danke, liebe Muttergottes“. Kurz darauf kamen meine Brüder aus der Schule … und wir beteten unzählige Gegrüßet seist du, Maria. Auch für meinen kriegsabwesenden Vater.
Man muss es erlebt haben, dass sieben Monate nach Kriegsende mein Vater schon aus sowjetischer Gefangenschaft Uljanowsk an der Wolga bei seiner vollzähligen Familie war. Die Mutter des Sohnes Gottes war und ist uns bis heute im Gebet Glaubensbekundung.

 

Horst Sochart, Essen

 

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