Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

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Credo-Projekt
Nein, es glaubt eigentlich keiner mehr. Kommt man auf Glauben, auf Gott zu sprechen, geben sich so viele Menschen Mühe, zu erklären, warum sie nicht (mehr) glauben. Worüber sie dann sprechen, ist die Kirche, sind Fehler und Vergehen, die im Namen der Kirche oder von ihren Vertretern begangen wurden. Hier macht es keinen Sinn, dagegenzureden, denn Fehler und Vergehen haben die Kirche und ihre Vertreter zuhauf gemacht. Ich habe mich nach 35 Jahren, die ich nicht in meiner Kirche war, wieder für sie entschieden. Denn sie ist menschlich, in jeder Hinsicht.

 

Aber was hat das mit Glauben zu tun?

 

Mein Glaube ist mein Wissen darum, dass das Hier und Jetzt nicht alles ist. Als ich geboren wurde, kam ich nicht aus dem Nichts. Wenn ich sterbe, gehe ich nicht ins Nichts. Da können wir noch so lange forschen.

 

Die Geschichten des neuen Testaments erzählen von Jesus. Gott schickt seinen Sohn auf die Erde. Im Machtbereich eines der brutalsten Systeme, die Menschen je hervorgebracht haben, im römischen Reich, lehrte Jesus, heilte er, und er wurde auf grausamste Weise nach Recht und Gesetz getötet.

 

Was soll diese Geschichte?

 

Nun, fällt es uns denn nicht bis heute leichter, eine Sache zu tun, wenn jemand vorangegangen ist?

 

Jesus ist durch diese Welt der Menschen uns allen vorangegangen. Nach all dem, was er erfahren hat, hinterlässt er uns nicht Wutgeheul, keinen Fluch, keine Drohung, keine Rache, er wirft nicht Unheil und Krankheiten über uns. Er lehrt uns: Liebe deinen Nächsten! Du sollst deine Feinde lieben! Was du dem Geringsten meiner Brüder angetan hast, das hast du mir angetan! Und vieles mehr in dieser Art lehrt uns dieser geschundene und ermordete Jesus. Denn er ist mehr als diese Schinderei, als dieser Mord. Er ist Gottes Sohn. Er ist auch nicht ermordet, sondern er lebt. Erst durch ihn können wir Gut und Böse erkennen, können wir unseren Glauben festigen, immer wieder.

 

Ich bin dankbar dafür, in Frieden zu leben, in einem der reichsten und mächtigsten Länder der Welt. Unsägliches Leid gibt es bis heute, Schmerz und Elend, Unrecht, Verfolgung Folter und Mord sind auch heute noch auf dieser Welt. Mein Glaube hilft mir, dieses Geschenk, mein Leben hier, anzunehmen. Mein Glaube stärkt mich, dem allzu menschlichen (Sünde), das auch mir selbst eigen ist, immer wieder entgegenzustehen. Mein Glauben stärkt mein Gewissen. Ich bin nie endgültig gut, perfekt, ich bin Mensch, Sünder.

 

Eine Frage wird immer wieder gestellt: “Warum lässt Gott das zu?“ Immer geht es dann um schlimme Ereignisse. Für mich ist die Frage: „Warum lassen die gerade handelnden Menschen das zu?“ Warum foltert der Folterknecht, warum bringt der Betrüger einen Menschen um seine Existenz? Gott hat uns diese Welt geschenkt. Wir sind verantwortlich für unser Tun. Das gilt immer.

 

Mein Glaube hilft mir immer wieder, mich zu befreien. Mein Glaube hilft mir, dieses Leben anzunehmen, Last und Freude, Liebe und Schmerz zuzulassen. Mein Glaube ist einfach mehr.

 

Mit sehr vielen Menschen habe ich mich schon darüber unterhalten und festgestellt, viele Menschen interessiert Glauben, aber sie wissen nicht, wie sie darüber reden sollen (können). Ist das nicht etwas Gutes, liebe katholische Kirche?

 

Mein Name ist Antonius Scholz-Kalinna. Ich bin 63 Jahre alt und Dipl. Ing. im Fach Landwirtschaft. Seit 27 Jahren arbeite ich mit Strafgefangenen. Solange ich jung und stark war, brauchte ich Gott nicht. Als meine Kraft aufgezehrt war und ich schwach wurde, scheiterte, war mein Glaube an Gott noch in meiner Erinnerung. Es gibt Menschen, die mich getröstet haben, die mich an meinen Glauben erinnert haben. So konnte ich zurück in meine Kirche, wo ich andere Gläubige Menschen traf, die ihre Geschichten haben. Heute weiß ich, dass mein Glaube mein Reichtum war und ist. Einen schönen Spruch habe ich auf einem Aufkleber am Heck eines Autos gesehen: „In meinem Leben spielt Gott keine Rolle.“ Ganz klein stand darunter:“ Er ist der Regisseur!“

 

Glauben braucht Kirche, das habe ich auch begriffen. Zu dieser Kirche musste ich mich wieder entscheiden. Die katholische Kirche ist mächtig im Wandel, das tut gut. So gehe ich durch mein Leben mit anderen Gläubigen vereint in der katholischen Kirche. Ohne Kirche wäre ich allein. Ich danke Gott für mein Leben und ich danke dieser Kirche dafür, dass sie sich dem Wandel aussetzt, sich verändert, um sich ans Leben anzunähern, wo sie widersteht, weil sie nicht dem Zeitgeist folgen will. Diese Zeilen zu schreiben hat etwa drei Stunden gedauert. Drei gute Stunden, aufgeteilt auf zwei Tage. Eine schöne Zeit.

 

Danke ihnen allen dafür, dass sie Kirche lebendig machen. Mit freundlichen Grüßen, Antonius Scholz-Kalinna

 

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