Exerzitienreferat im Kardinal-Hengsbach-Haus

Dahler Höhe 29 - 45239 Essen - Telefon: 0201 / 490 01 22

Wenn ohne aber

Credo-Projekt
Wenn ich in einer sternklaren Nacht in den Himmel schaue, ahne ich, wie groß und unendlich Gott ist. Ich werde mich nie sattsehen können.
Wenn im Frühling oder am Beginn eines neues Tages der Gesang der Vögel wieder einsetzt, werde ich hellhörig und wache auf.
Wenn ich den Vögeln zusehe, wie sie durch die Luft fliegen, fliegt mein Herz mit und wird frei.
Wenn ich die Keimlinge auf meiner Fensterbank anschaue, wenn ich ihnen Wasser gebe und wenn ich beobachte, wie die kleinen Pflanzen jeden Tag ein wenig größer und prächtiger werden, ahne ich das Wunder, das in jedem kleinen Samenkorn steckt.
Wenn meine Hände die Rinde eines majestätischen Baumes berühren und der Wind in den Blättern der Krone rauscht, knie ich nieder und werde wieder aufgerichtet.
Wenn ich mich am Meer gegen den Sturm lehne und in den Sonnenuntergang hinein schreie, berausche ich mich an der gewaltigen Kraft.
Wenn ich lerne, die Baupläne des Lebens zu verstehen und die Zusammenhänge zu begreifen, wenn ich die Ordnung erahnen kann, die allem Leben zu Grunde liegt, kann ich nur staunen.

 

Wenn ich ein Neugeborenes in meinen Armen halte, halte ich die Luft an. So verletzlich und wunderbar erscheint mir der kleine Mensch.
Wenn ich als Mensch einem Menschen begegne und wenn mein Herz wirklich bereit ist, dem anderen zuzuhören, geschieht etwas Großes.
Wenn sich für Menschen plötzlich Türen öffnen, wenn Entscheidungen nach langem Ringen reif sind und tragfähig, wenn Menschen den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen, dann bin ich als Zuschauerin Zeugin großartiger Wunder. Ich kann vertrauen und hoffen, dass immer wieder unerwartete Wunder geschehen werden.
Wenn ich von Menschen Abschied nehmen muss, entdecke ich die Liebe, die noch stärker wird durch das Wissen um die Endlichkeit.
Wenn ich über den Friedhof gehe und die Menschen an den Gräbern sehe, wenn Menschen von ihrer Trauer überwältigt werden und wenn die Tränen nicht mehr aufzuhalten sind, begreife ich, dass es etwas gibt, das noch stärker ist als der Tod.
Und wenn Menschen schließlich so lieben, dass sie einen anderen Menschen in Freiheit gehenlassen können, dann öffnet sich der Himmel.

 

Wenn mich die Begeisterung für eine Sache erfasst und antreibt, wenn die Ideen sprudeln und nicht gleich von der Zensur gebremst werden, bin ich lebendig bis in die Haarspitzen.
Wenn ich lange schweigend in ein Lagerfeuer schaue, genieße ich die Schönheit und Wärme des Augenblicks.
Wenn mich eine Musik überwältigt und mich von Kopf bis Fuß ausfüllt, bin ich bewegt und ganz.
Wenn ich zusammen mit anderen Menschen in der Heiligen Schrift lese und wenn das Leben aus den Worten spricht, kommt mir Gott entgegen.
Wenn sich beim Kochen unterschiedlichste Zutaten mit etwas Geduld und Wärme zu etwas Neuem, Wohlschmeckendem verwandeln, bin ich immer wieder überrascht, was alte Rezepte und Experimentierfreudigkeit hervorbringen können.
Wenn ich in strahlende Gesichter und leuchtende Augen blicke, dann hellt es sich auch in mir auf.
Wenn ich einen schweren Rucksack, den ich mit mir herumtrage, endlich abstellen kann und wenn ich mich von viel unnötigem Ballast endlich trenne, wird das Leben wunderbar leicht und wendig.
Wenn ich nach einer Krankheit spüre, wie die Kraft zurückkehrt, spüre ich Dankbarkeit für die Erfahrung, die mich erst den Unterschied wahrnehmen lässt.
Wenn ich tiefe Gedanken denke, ohne an ein Ende zu kommen, bekomme ich eine Ahnung, wie groß das ist, was ich nicht erfassen kann.

 

Gott durchdringt mein Leben
von Anfang bis Ende und darüber hinaus.

 

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